Michelangelo oder die Skulptur im Material

Heute hatte ich Besuch von Ludwig Duncker, einem Freund , Kunstliebhaber und renommierten Erziehungswissenschaftler. Als ich ihm meine Holzarbeiten und meine Arbeitsmethode vorstellte, erinnerte er sich an Michelangelos kesse Behauptung, dass seine Figuren bereits im Stein verborgen seien und es lediglich darum ginge sie Schicht für Schicht freizulegen. Das stiess mich auf einen gravierenden Unterschied. Ich schneide ins Holz und sofort reagiert das Gehirn mit Form-Vorstellungen. Gehirn und Holz modellieren zusammen eine „Figur“. Vorher existierte nicht einmal eine Vorstellung von ihr. Michelangelo konnte nicht so vorgehen. Er war (wie alle Künstler dieser Zeit ) im Kanon der damaligen Themen gefangen. Er konnte und durfte nicht eine Form jenseits davon (er)finden. Dass das im Alter immer schwerer zu ertragen war, zeigen die  „halbfertigen“ Skulpturen und jene, die durch zerstörerische Eingriffe in eine neue ästhetische Wirklichkeit gestellt wurden. Schon in der Jugend hat mich die „Pieta Rondanini“ durch ihre expressive Archaik tief beeindruckt. Um den Unterschied zu heute zu demonstrieren, zeigte ich meinem Besucher eine Stele, die nach Monaten quälender Arbeit aus einem mir unbekannten, exotischen, sehr harten Holzscheit entstanden war. Quälend auch in dem Sinne , dass ich dauernd Spreißel unter die Haut geschossen bekam. Die Qual hatte erst ein Ende als Hirn, Holz und Hand nicht mehr weiter wussten und keineswegs erst als ich eine vorgestellte oder gewünschte Gestalt aus dem Material befreit hatte.

Michelangelo „freed“ his figures from the stone. Today I start without any idea and work until a satisfying condition is reached.

 

Heute ist jede(r) viele Künstler

Was mich immer wieder beschäftigt ist die Gleichzeitigkeit künstlerischer Bedürfnisse und.Impulse in ein und demselben Hirn. Historisch wurde nur das Phänomen der Vielseitigkeit, ausgehend von Giorgio Vasaris Künstlerbiografien gesehen. Die Vorstellung verinnerlichter Vielseitigkeit als kreativer Pool ist mit der „Vogelfreiheit“ der Künstler und ihrer Selbstverortung in der Gesellschaft möglich geworden. Obwohl mich diese Koexistenz unterschiedlichster Impulse, Theorien und Konzepte beunruhigt, kann ich nicht umhin, gelegentlich von aussen amüsiertin diesen Gemischtwarenladen zu spähen. Das tritt bevorzugt dann ein, wenn sich mehrere Produktionen gleichzeitig entwickelt haben. Als Beispiel nehme ich die letzten Tage: 1. An einer bereits begonnenen Skuptur aus Olivenholz weiter gemacht. 2. Auf dem iPad vor Ort die Villa Grock (Imperia) gezeichnet. 3. Dieses Bild kommentiert und in art77blog gepostet. 4. Nach dieser Erfahrung einige Aquarelle gemalt; -mit bewusst knappem Zeitbudget. 5. Eine von mir entwickelte Werbefigur als 50x40cm Leinwandbild gezeichnet. 6. Figuren eines sonntäglichen Bummels in einer mir vertrauten Technik Feder/Aquarell festgehalten. 7. Eindrücke eines grauenhaften Westerns  (heavens gate) mit Grafitstift und Aquarell verarbeitet. Dazu kommen eine Reihe von ‚Querschlägern‘, Stimmungen, Gedpräche, die ich der Überschaubarkeit wegen, weglasse.

38) Villa Grock in 3 Minuten

Ich möchte das Tempo-Zeichnen auf dem iPad auch ohne Anbindung an eine akustische Vorgabe „sur le motif“ (Cezanne)  erproben. Während meine Frau in Imperia den Wochenmarkt besucht, mache ich einen Spaziergang. Dabei stosse ich auf die architektonisch eigenwillige Villa des Clowns Grock: “ niet möööglich!!!!!“ Obwohl nur noch 7 Minuten bis zum verarbeiten Treffen am Auto verbleiben, entscheide ich mich am Zaun des Parks stehend, zu zeichnen. Zuerst drei Farbzonen als Hintergrund: Himmelblau, Gebäude-Beige und ein helles Grün für einen Teich. Die Fläche ist mit der Riesenpinsel-Breite rasch gefüllt. Dann wähle ich einen braunen Ton zum Zeichnen mit einem schmalen Pinsel. Die Flächen habe ich mit geringer Deckkraft angelegt, für die Zeichnung habe ich die Deckkraft ‚hochgefahren‘. Mit einem tiefen Ultramarin noch einige Aktente setzen–fertig. 4 Minuten bleiben noch . Irgendwie bin ich von dem Ergebnis angetan.

37) „Snake Rag“ oder :Simultan Musik zeichnen

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„Snake Rag“ by Kim Oliver‘ s Creole Jazz Band. ( Free Music Archive: Antique Phonograph Music)

  1. Mich fasziniert die spontane, schnelle Zeichnung. Irgendwie kommen dabei Signale rüber, die bei der langsameren oder gar kontrollierten Wahrnehmung nicht auftauchen. Das gilt auch für das simultane Zeichnen zu Musik. Bei meinen kleinen Musikvideos gibt es noch andere Herausforderungen. Ich wähle Musik,auf die ich „Lust habe“ und nehme sie mit einem iPhone auf. Als nächstes zeichne ich touch screen zu der Musik, um ein Gefühl für die Zeit- Dauer zu bekommen. Die Spontaneität verlagert sich auf Entscheidungen hinsichtlich der Strichstärke, der Farben, Deckkraft usw. Nach mehreren Probe-Versuchen nehme ich Musik und Zeichen-Video zusammen auf. Da ich nicht schneide, entwickelt sich die Zeichnung zeitgleich mit der Dauer der Musik. 

I produce my primitive drawing-videos on touch screen while listening to music. There is no script, its just spontaneous reaction.

For a better Video-quality look ‚Snake rag‘ at youtube.

36) Wo sind unsere alten Kapitalisten geblieben?

Katalog „Kapitalströmung“ vor den Dannecker-Nymphen im Restaurant der Kunsthalle Tübingen ( Aufnahme AvC)

 

Bleistift-Zeichnung des Verfassers, 1971.Copyright VG BildKunst, Bonn 2017

Gestern habe ich zwei Stunden die Ausstellung „Kapitalströmung“ in der in neuem Glanz erstrahlenden Tübinger Kunsthalle studiert. Es gibt viel zu schauen, viel zu lesen und noch mehr zu denken. Ein höchst niveauvolles Gesamtkunstwerk. Die Wände wurden nicht nur behängt, sondern die hellen Räume werden als ganzes bespielt. Persönlich berührte mich die große Video-Installation von Mark Boulos mit der Gegenüberstellung hektischen Börsenbetriebs und rebellierenden nigerianischen Fischern, die Angesichts der Ausbeutung riesiger Erdölvorkommen durch andere um ihr Überleben kämpfen müssen. Witziger ist die Konfrontation mit einem dunklen Gründungszeit-Sekretär, der im Zentrum eines gross angelegten Projekts von Christin Lahrs zu Marx‘ „Kapital“ steht samt dem entwaffnenden Aufsteller “ SUCHE KAPITAL neu und gebraucht“. Zuerst war ich durch die besondere ästhetische Präsentation der „Kapitalströmung“ beunruhigt. Während wir in den siebziger Jahren uns das Kapital künstlerisch weitgehend als Geld vorstellten, das rücksichtslose, arbeiterfeindliche, schwergewichtige Männer in dunklen Anzügen rafften ( s. Zeichnung), tritt es heute als Kapital-Flow auf. Man sieht keine Polizei, keine Wasserwerfer, keine RAF-Terroristen, keine Kommunarden/innen. Die Ausstellung gibt dem Kapital, das sicher nicht mehr das von Karl Marx ist, ein neues Gesicht- ein „Hochglanzgesicht“ , ging es mir durch den Kopf. Es ist ein entpersönlichtes, bedeutungsloses, anonymes Börsen- und Marktspieler- Gesicht. „Kapitalströmung“ unterstreicht die Entwicklung zum entmaterialierten Kapital. Manager, Banken, Politiker sind längst zu Spielern im gigantischen Geldtransfer geworden. Die Geschwindigkeit des Informationsflusses wird dabei zum entscheidenden Vorteil. Die Ästhetik dieser Entwicklung ist wenig spektakulär, banal, schnelllebig und nach Art der Seifenoper. Eindrucksvoll wie die Ausstellung starke Bilder und Installationen in Verbindung mit kritischen Texten als Bestandsaufnahme der Kapitalströmung anbietet. Eine überzeugende Visitenkarte des neuen Leiters der Tübinger Kunsthalle Holger Kube Ventura.

„Honi soit qui male y pense!“

Kaktus im Neuen Schauhaus des Botanischen Gartens in Berlin (Aufnahme des Verfassers).

Es war August, Wilhelm, Eduard, Theodor Henkel, Breslauer Botaniker und Medizinhistoriker, der 1820 einen Beitrag zur Sexualtät der Pflanzen veröffentlichte. Meine Beobachtungen im Berliner Botanischen Garten werfen die Frage auf, ob es nicht lohnt diese Forschung als Phänomenologie der Pflanzen fortzuführen. Die unübersehbaren Fingerzeige der Natur selbst schreien danach!

  1. A. Henschel published 1820  results of  his research on the sexuality of plants. Watching a cactus in a glass house of the Botanischen Garten at Berlin I started thinking about a phenomenology of  botanical sexuality.

 

 

 

35) “ Die Schöne ist gekommen „

Nofretete, Kalkstein bemalt, um 1360 v. Chr. , Neues Museum, Berlin

Die schöne Nofretete habe ich schon einige Male gesehen, aber als ich sie nun im Neuen Museum in Berlin zum ersten Mal frisch von der Kosmetikerin/ Restauratorin sah, verstand ich plötzlich das Getue um die Gattin des Pharaos Echnaton. Sie hat mich umgehauen, weil ich nun in ihr, die um 1360 v.Chr. gelebt hat, die verführerische Distanz verstand, in der sich schöne Frauen schon immer gern sahen und sehen und weil ich wusste, dass die Porträts zu ihrer Zeit ansonsten durchweg hässlich waren. Denn mit der von Echnaton verordneten Verehrung Atons als einzigem Gott ging für eine kurze Zeit eine ästhetische Revolution einher, die die maskenhafte Stilisierung der älteren Kunst wegwischte.

  • Die Beleuchtung des Kopfes von oben verleiht der Nofretete eine Erhabenheit, die die Übersetzung ihres Namens, “ Die Schöne ist gekommen“ verstehen lässt.
  • Erst zuhause bemerkte ich dann verblüfft,dass ich mit meinem diskreten Schnappschuss einen stummen Dialog zwischen der leicht herablassend blickenden Göttlichen und einem sie gebannt anstarrenden jungen Mann eingefangen hatte.
  • For the first time after the restauration I saw the portrait of Nofretete  in the Neue Museum at Berlin and was smashed by her liveliness. It was a conincidence that I  caught this young man on my snapshot staring  probabely the same way at her as I did. 

…nicht immer nur Höhenflüge.

Jeder Mensch, der Kunst als Lebensinhalt oder „Lebensmittel “ wählt, muss sich daran gewöhnen, dass es nicht immer nur Höhenflüge gibt. Das unangenehme Gefühl abzustürzen oder vor verschlossener Tür zu stehen, führt zu Selbstzweifeln. In einem sochen Moment las ich vorgestern einen Satz des Malers Ansgar Jorn, der einen bitter-süß lächeln lässt: “ Kunst ist das, was man nicht kann.“ Also probiere ich den ‚Neustart‘ ohne Kunst- Absichten. Ich lasse einen Zeichen-Teppich wachsen (kann ich im Schlaf), zeichne zwei Becher mit Stiften, zum Einschlafen, und dann noch drei Frauen, die ich nüchtern beobachte, mit magerem Ergebnis. Ich will nicht klein beigeben. Mit Farbe und Kaffeesatz bringe ich etwas Leben in die Bude. Das ist noch nicht umwerfend, aber der Schock scheint überwunden zu sein. Genauso unberechenbar wie die Ernüchterung zuschlug, wachsen die Lebensgeister wieder.  Möglicherweise wirkten kleine Erfolge bei meiner aktuellen Holzarbeit oder eine gelungene Computer- Grafik als Verstärker.

 

34) Eine kleine Nachtmusik und die Synästhetik

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Advent chamber orchestra. Quelle: Free music archive. 

Synästheten können bestimmten Tönen Farben oder Geschmacksrichtungen zuordnen. Und natürlich auch umgekehrt. In der Kunst ist W. Kandinsky ein berühmter Vertreter. Er malte ‚Kompositionen ‚ wie Musikstücke. Mozarts ‚ kleine Nachtmusik ‚ habe ich auf dem iPad in ‚Echtzeit‘ des  gewählten Ausschnitts gezeichnet. Dabei waren Rhythmus und Tempo tragend, während die blitzschnellen Farbentscheidungen keiner genauen synästhetischen Prüfung standhalten würden. Was mich mehr interessiert ist das Verhalten meines Gehirns, das sofort bereit ist eine Beziehung zwischen Musik, Form und Farbe wahrzunehmen. Möglicherweise liegt hier eine der Ursachen für meine Liebe zur Oper!!

33) Happy birthday

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Nachdem mich facebook bei einem Zeichen-Video auf die Urheberrechte hinwies, wählte ich für das Video ‚happy birthday‘ einen anderen Weg. Die Zeichnung entstand ebenfalls mit My brushes auf dem iPad. Nun richtete ich die iPhone-Kamera auf das iPad, begann die Aufzeichnung und spielte dazu mit einer Handvoll Glocken und Glöckchen aus der Sammlung meiner Frau. Als ich dabei das Stativ umstieß, war das tragikomische Ende programmiert. Was ich immer wieder als Herausforderung empfinde, ist es eine Zeichnung in 2 Minuten ohne Korrektur-Möglichkeit zu erstellen. Dabei kann die akustische Parallele durchaus disziplinieren!