36) Wo sind unsere alten Kapitalisten geblieben?

Katalog „Kapitalströmung“ vor den Dannecker-Nymphen im Restaurant der Kunsthalle Tübingen ( Aufnahme AvC)

 

Bleistift-Zeichnung des Verfassers, 1971.Copyright VG BildKunst, Bonn 2017

Gestern habe ich zwei Stunden die Ausstellung „Kapitalströmung“ in der in neuem Glanz erstrahlenden Tübinger Kunsthalle studiert. Es gibt viel zu schauen, viel zu lesen und noch mehr zu denken. Ein höchst niveauvolles Gesamtkunstwerk. Die Wände wurden nicht nur behängt, sondern die hellen Räume werden als ganzes bespielt. Persönlich berührte mich die große Video-Installation von Mark Boulos mit der Gegenüberstellung hektischen Börsenbetriebs und rebellierenden nigerianischen Fischern, die Angesichts der Ausbeutung riesiger Erdölvorkommen durch andere um ihr Überleben kämpfen müssen. Witziger ist die Konfrontation mit einem dunklen Gründungszeit-Sekretär, der im Zentrum eines gross angelegten Projekts von Christin Lahrs zu Marx‘ „Kapital“ steht samt dem entwaffnenden Aufsteller “ SUCHE KAPITAL neu und gebraucht“. Zuerst war ich durch die besondere ästhetische Präsentation der „Kapitalströmung“ beunruhigt. Während wir in den siebziger Jahren uns das Kapital künstlerisch weitgehend als Geld vorstellten, das rücksichtslose, arbeiterfeindliche, schwergewichtige Männer in dunklen Anzügen rafften ( s. Zeichnung), tritt es heute als Kapital-Flow auf. Man sieht keine Polizei, keine Wasserwerfer, keine RAF-Terroristen, keine Kommunarden/innen. Die Ausstellung gibt dem Kapital, das sicher nicht mehr das von Karl Marx ist, ein neues Gesicht- ein „Hochglanzgesicht“ , ging es mir durch den Kopf. Es ist ein entpersönlichtes, bedeutungsloses, anonymes Börsen- und Marktspieler- Gesicht. „Kapitalströmung“ unterstreicht die Entwicklung zum entmaterialierten Kapital. Manager, Banken, Politiker sind längst zu Spielern im gigantischen Geldtransfer geworden. Die Geschwindigkeit des Informationsflusses wird dabei zum entscheidenden Vorteil. Die Ästhetik dieser Entwicklung ist wenig spektakulär, banal, schnelllebig und nach Art der Seifenoper. Eindrucksvoll wie die Ausstellung starke Bilder und Installationen in Verbindung mit kritischen Texten als Bestandsaufnahme der Kapitalströmung anbietet. Eine überzeugende Visitenkarte des neuen Leiters der Tübinger Kunsthalle Holger Kube Ventura.

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