Schreib Kunst, schreib! Plädoyer für eine aufgeklärte Kunst ( Nr. 142)

Im alten Botanischen Garten“, My Brushes,iPad; ©avc 2018

Der Titel dieses Beitrags bezieht sich auf die nicht ganz unumstrittene Inschrift auf dem Rahmen des Maulbronner Altars  des Lucas Moser ‚ Schri kunst schri‘ , allerdings nicht als Klage, sondern als Aufforderung an die Künstler, über ihre Arbeit aufzuklären. Denn das können nur sie allein. Sie sind und bleiben die einzigen Zeitzeugen der Voraussetzungen, Bedingungen und Durchführung  ihrer Kunst. Wer sonst sollte ihre Ängste, Triumphe, Besessenheit, Kalküle, Ringen um Orientierung  und die Vielzahl von Einflüssen ermessen? Für dieses Wissen gibt es keinen Markt oder Ranking, es berührt die menschliche Gesellschaft als ganze. Spätestens bei der Begegnung mit Künstlern anderer Länder und Kulturen wird einem die notwendige Aufklärung bewusst.m

English Summary

Its a duty for artists to let people know about the conditions of their work, their emotions, impact, speed, craft, hope and delusions, doubts and triumph. For an illuminated society this is more important than a work itself. If this seems to be weird to you, just think about a global world and how hard it is to get access to its art.

Bach-Blech ( Nr. 141)

Offset-Blech, geschnitten, verformt, bedruckt und beschrieben.©avc

Unter dem Titel „Bach- I did it my way“ habe ich  zum selben Thema einen kurzen Film bei YouTube in meinen account ‚ Axel von Criegern’, eingestellt.

Bei der künstlerischen Arbeit höre ich, wie viele andere auch, gern Musik. Johann Sebastian Bach (  1685- 1750) gehört nicht dazu. Als sich aber 8 Künstler*innen des Tübinger Künstlerbundes zusammentaten, um für eine Ausstellung Bach zu bearbeiten, fühlte ich mich dennoch (oder deswegen?) angesprochen. Zumindest eine gute Gelegenheit um darüber nachzudenken, warum ausgerechnet Bach nicht?  Seine Musik und ihn selbst als historische Persönlichkeit empfand ich immer als wenig anregend, humorlos und „lutheranisch“. Für eine künstlerische Auseinandersetzung ein ziemlich harter Brocken. Verblüffend waren die Aussagen von Freunden*innen , dass für sie Bach der Größte sei. Ich hatte mich als Banause ge-outet. Also: viel hören, lesen und vorsichtige Annäherung. In unserer bescheidenen CD-Sammlung fand ich immerhin die ‚Brandenburgischen Konzerte’ und die Suiten für Cello. Ein großes Erlebnis war dann, dass und wie sich Bach allmählich in meiner Arbeit ausbreitete. Ich achtete verstärkt auf Planung, Systematik und Sorgfalt. Je mehr ich mich von meinem Vorurteil entfernte, umso mehr schmolzen Musik und meine künstlerischen Formen zusammen. Seine unstillbare Lust am Variieren wirkte ansteckend, wenn es um das Treiben und Punzen von Metall ging. Ich verzichtete zum Schluss auf Farbe und blieb bei plastischen, feinteiligen Variationen. Das Material, Struktur,Rhythmus und das Spiel des Lichts bilden einen Teppich, den ich mit dem Strömen Bach’scher Klänge verband. Die vorläufig letzte Arbeit ( s.Bild) zeigt, dass sich Strenge sehr wohl mit Lust am Übermut verbinden kann. Ich hatte gehofft, dass die auf einer Druckplatte gefundenen Noten zu Bach passen würden. Das taten sie allerdings nicht. Dass sie aber aus einer  Messe des Bach-Wiederentdeckers Felix Mendelssohn-Bartholdy stammen, ist doch auch eine Pointe!

English Summary 

I am not a natural freak of Johann Sebastian Bach and his music. But studying together with a group of   artists his music on behalf of an exhibition, I listened fore some month ‚Bach‘. Suites, concerts, songs, all kind of church music. When I tried to practice my newly acquainted knowledge in cutting, punching and folding  metal sheets, my work became more elaborated, geometrically straight. I felt a strong impact and enjoyed it. Thank you Johann Sebastian!

Weiterlesen

Lust und Unlust (art77blog Nr.140)

 AvC: Zitronen, Aluminium und Acryl, 2018 ©️

Eine vertraute Situation: Die Ehefrau liebt Zitronen  undnd folglich auch Zitronenbilder. „Mal mir doch ein Zitronenbild..!“ Ich habe null Lust. Nicht zuletzt deswegen, weil ich gerade intensiv mit Blech arbeite. Teils um den Druck abzubauen, teils aus Trotz, teils aus Lust an der Herausforderung, treibe und punze ich Zitronen-Formen in dünnes Alu-Blech. Schwer genug! Um aus den Zitronen ein Bild zu machen, lege ich einen flachen Teller drum herum. In dieselbe Richtung geht der Einsatz der Farbe. Die deutliche Ablehnung durch die Auftraggeberin war fast zu erwarten. Ich hatte den bearbeiteten Teil einfach auf dem Blech stehen lassen, um meinem Unbehagen an dem Kitsch- Effekt mit einer gewissen Ironie zu begegnen. Nicht jederfraus Sache! Also stand das ungeliebte Kind einige Zeit schmollend im Atelier. Gestern habe ich das Blech wieder in die Hand genommen, um auch die Umgebung des farbigen Teils zu gestalten. Im Moment entstehen große Relief – Formen ohne Themenbezug. Mal sehen ,was da heraus kommt. Im Grunde ist es das alte Thema aus etwas „misslungenem“ noch etwas zu machen. Oft genug ist das ja der Beginn ganz neuer Werkerfahrungen.Aus Erfahrung schliesse ich auch nicht aus, dass dann das neue Produkt, wenn auch nicht im Sinne des ursprünglichen Auftrags, doch noch Gnade findet.

P.s. Auf den Gedanken mit der Lust kam ich bei der Lektüre von Heinrich von Kleists  Abhandlung „Über das allmählige Verfertigen von Gedanken beim Reden“. Dort weist der Autor auf  eine für das Denken und Kommunizieren günstige „Erregung des Gemüts“ hin.

English Summary

My wife wanted me to paint a lemon—picture.   Since I work with metal for some time, it was not what I really was interested in. I tried it with sheet metal and acrylic colours. She didn’t like that. So back in the studio. Now after some days I realized that I am still not ready with these lemons. So I started yesterday to punch the part of the aluminium, that is not painted in a kind of contrast to the lemons. Even if it is not the wanted picture it is certainly a new challenge and experience.

 

L

Lady in Art (art77blog Nr. 138)

Ich hatte mal wieder einen Koller mit dem Bildermalen. Dabei geht es eigentlich immer um die Flächigkeit und den realen, plastischen Bildkörper. Da kam ich auf die Idee auf einem schon fertigen Bild mit farbigen Holzformen ein Relief aufzubauen. Das Bild einer Kokotte, das schon 2011 entstanden war und das mir zu vordergründig und platt war, bot einen interessanten Spielplatz. Die Formen stammen von einem „Alfabet“, das ich um 1995 entworfen und als Druckformen verwendet habe. Das spannende war die Entstehung eines plastischen Bildes nach ganz anderen Gesetzen als denen des Frauenbildes zu verfolgen. Auf jeden Fall half es mir aus meiner Blockade und löste die Produktion leichterer, verspielter Bilder, aus.

Das zugehörende Video stelle ich auch auf meinem YouTube-Kanal ‚ Axel von Criegern‘ ein.

Bekenntnisse eines didaktischen Künstlers 3 (Nr 137)

Es war eine Ausstellung der ‚ big pictures‘ von David Hockney, die mir die Augen aufriss, was den Einsatz von iPhone bzw. iPad künstlerisch bringen könnte.  Zwischen meiner ‚ Fotodidaktik als Bildlehre‘  ( Berlin 1976!) und Hockneys Einsatz der Medien für ein neues Sehen lagen nicht nur Jahrzehnte., sondern eine Epoche! Natürlich kamen mir Hockneys historische Untersuchungen,u.a. zu Vermeer ,einem Zeitgenossen von Jan Steen, sehr entgegen.

Mein Bild ist ein Stückchen Küchenpapier, mit dem ich Pinsel gereinigt hatte. Das Stück lachte mich an; ich zeichnete noch einige Linien mit Feder und Tusche , knüllte dss Ganze zusammen und fotografierte es. Selten wurde ein ‚Nichts‘ durchs Fotografieren so veredelt!!😜😄😃😮

How an iPhone-Foto upgrades waste.

Bekenntnisse eines didaktischen Künstlers 2 (Nr. 136)

Montage avc, 1976 ©

  • „1968“ hatte einen enormen Einfluss auf die bundesrepublikanische Kunstpädagogik. Eine Richtung hiess „Visuelle Kommunikation“, basierte auf der Kritik der herrschenden Kultur und bezog die Massenmedien und Werbung mit ein. Für mich war das faszinierend. Wie so etwas aussehen konnte, finde ich heute am deutlichsten in einem Vortrag wieder, den ich 1976 gehalten habe. Der Untertitel war „Pragmatische Ikonologie“. Im „Stern“ stand ein gross aufgemachter Bericht über die Verhaftung des RAF-Mitglieds Rolf Pohle. Ich suchte verwandte Motive . Die kamen überwiegend aus der Kunstgeschichte. Zur Präsentation bediente ich mich einer Methode, die der erste moderne Ikonologe Aby Warburg in seinem Bildatlas äangeregt hatte. Ausgehend von markanten Aufnahmen der Pohl-Festnahme, stellte ich thematische Reihen zusammen („Gewalt: Leiden“ u.a.). Bei einem Vergleich mit anderen Berichten und Werbung ging ich aber in meinem „Ikonologie-Rausch“ zu weit- für damals. Was die Visuelle Kommunikation angeht, kam die bei den Schülern nie richtig an, verlor rasch ihre Sprengkraft und wurde von der gesellschaftlichen Wirklichkeit „aufgesogen“.

Literatur: „Probleme der Dokumentarfotografie“; in : Kunst+Unterricht 16/ 1972 und „Ein didaktisches Modell für den Kunstunterricht auf der Sekundarstufe II: Pragmatische Ikonologie . In: Richter/ Wermke (Hrsg.) Kunst und Literatur auf der Sekundarstufe II. Düsseldorf 1977.

English Summary 

For a couple of years following the protests, riots and discussions of 1968 the art education in Western Germany had shifted to social and political subjects. Its name was „Visuelle Kommunikation“.  Now my studies in iconology got a critical touch employing commercials, press photography and mass media. I called this „Pragmatische Ikonologie“.

Auf YouTube finden sie unter „Axel von Criegern“ einen parallel zu diesem Post entstandenen Film mit gleichem Titel.

Bekenntnisse eines didaktischen Künstlers 1 (Art77blog Nr.135)

AvC,Vase 1978. H. 46 cm, Unterglasurfarbe, Transsparenzglasur

Auf meinem YouTube-Kanal habe ich unter demselben Titel einen Film eingestellt.

“Bekenntnisse“ ist der ironische Titel einer Reihe von Posts, die ich heute beginne und in denen ich mich als Kunst-Aufklärer oute. Von Jugend an war ich fasziniert von Kunst. Ich wollte wissen wie Kunst geht, nicht was Kunst ist. An der Kunstakademie bekam ich keine Antwort.Bei einem strengen geisteswissenschaftlichen Studium (Kunstgeschichte, Archäologie und Politikwissenschaft ) lernte ich dann die Welt der Ikonografie und Ikonologie kennen. Künstlerisches Erleben , Kommunizieren und Handeln wurde mein zentrales Thema. Nach 4 Jahren geisteswissenschaftlicher „ Ochsentour“ und Dissertation kam ich nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Schülern zum Schluss , dass ich meine Frage nur über meine eigene Praxis beantworten kann.

Was für mich heute klar ist, galt 40 Jahre zuvor, als diese Vase entstand, noch nicht. Aber was ich heute in der  Arbeit zu sehen glaube, ist ein leidenschaftliches Suchen nach dieser Antwort. Figürliche und nicht gegenständliche Motive reihen sich ohne erkennbares Register aneinander. Einzelne Motive werden bewusst isoliert, andere Partien wechseln die Stilmittel, ohne dass nachzuvollziehen ist, warum. Die Anordnung lockt auf die Fährte einer Bildgeschichte, aber diese Geschichte muss man sich ausdenken. Was mich heute anrührt, ist die Heftigkeit und Vehemenz zusammen mit einem offensichtlich kaum zu stoppenden Mitteilungsbedürfnis. Und  ich war kein Jüngling mehr, sondern  ich war nach 5 Jahren Schul-Lehrer inzwischen schon wieder 6 Jahre Hochschullehrer. Aber dieser fragende, offene Zug blieb. Er änderte sich auch nicht während eines reichen Berufslebens . Ich hatte eine heilige Angst vor allzu ausgearbeiteten Dingen, meinte die Langeweile schon zu spüren. Und natürlich betrifft das auch meine Vorstellungen von Lernen. Ich kann nicht und wollte nie belehren. Meine Motivation ist es andere an meiner Begeisterung für Kunst in allen Erscheinungsformen teilnehmen zu lassen und sich selbst immer wieder die Frage „Wie geht Kunst?“ und meinetwegen auch „Was ist Kunst“ zu stellen.

English Summary 

The romantic title „confessions“ refers to a serious self questioning. Today I know that my attitude towards learning of art is not being an instructor, but at best a mentor or trainer. I remembered that when I lately discovered a vase, which I had designed 40 years ago. The black drawing on white clay is very little structured. With its changing styles and subjects it talks about art as an open affaire, as a passionate search. Working at a university already 6 years , I probably expected from my students the same open minded art research.

 

 

Leicht und verspielt (Nr. 134)

Siehe den gleichnamigen Film auf YouTube, Kanal Axel von Criegern

Leicht und verspielt, Aquarell, Feder, Tusche, 2018

Das einwöchige Posten von „art77blog“ setzt mich manchmal ganz schön unter Druck. So geschehen bei den Filmen Nr. 132 und 133. Als ich merkte, dass ich bei einem weiteren Höhenflug nichts Vernünftiges erreichen würde, rief ein Freund durch Atelier-Fenster: „leicht und spielerisch bleiben!“ Ich ließ mich sozusagen entspannt zurückfallen und begann mit Aquarell Zeichen zu pinseln. Ohne Raster ließ ich Zeichen und Reihen aufeinander folgen, wie bei einem Brief.Als ich merkte, daß die Sache zu flüchtig wurde, habe ich mit Feder und Tusche Akzente gesetzt. Zwar arbeitete ich leicht, doch  zugleich hoch konzentriert. Unendlich oft habe ich solche Zeichenfolgen gemalt und gezeichnet. Ich bin ein Fan früher Schriften, schreibe und lese meine „Texte“ . Daß es Strukturen braucht, die eine solche Seite auch gestalterisch „lesbar“ macht, weiß ich aus vielen, vielen illustrativen Arbeiten. Hier habe ich das Schwarz oben hinterlegt und dadurch die Zeichen veklammert . Dieser Zusammenhalt wird nach unten leichter und löst sich unten wie bei einem unterzeichneten Brief soweit auf, daß auch keine Tuschestriche mehr sinnvoll sind. Im Film zeige ich noch kunstgeschichtliche und alltags- ästhetische Bezüge.

English Summary

Looking back the posts of the last two weeks were pretty heavy. A friend watching me working for this post said „Take it easy!“ I felt this was a good advice. Feeling free I started to paint signs in watercolour, as I had done often before. This time I focussed on the drive of the page. In the upper part the signs were packed in black, further down, supported by pen an ink -contours and at the end became looser, open playing. Please look at YouTube : Axel von Criegern: „Leicht und verspielt.“

 

 

 

 

 

 

 

Was Zeichnungen verraten (Nr. 133)

1958. Weibliche Figur. Feder, Tusche laviert; 28x23cm

Ein Film „What drawings tell“  mit biografischen Bezügen ist auf meinem YouTube-Kanal „Axel von Criegern“ zu finden

Eine sehr dichte Bleistift -Zeichnung , die in den vergangenen Tagen entstand, hat mich nachdenklich gemacht: Habe ich nicht schon immer wieder einmal so gezeichnet?  Ich habe einige Arbeiten, die zwischen 1956 und heute entstanden sind, zusammengesucht:

1956– Mit 17 Jahren entstand das Selbstbildnis unter deutlichem Einfluss des Kubismus: Selbsterforschung und Selbstdarstellung als Künstler.

1958– Mit 19 Jahren Erproben eines expressiv- dekorativen Stils, der auch heute noch eine gewisse Bedeutung für mich hat.

1962– Verdichten als Mittel Gegenstände so sachlich wie möglich abzubilden und darzustellen.

1972-Verdichtung um sich dramatisch -politisch zu äußern (hier das anhaltende Thema des Vietnamkriegs). Provokation durch Kontrast mit einem Motiv A.Dürers. (Nach dem Abschluss der klassischen Kunstgeschichte und Archäologie mit einer Dissertation über Jan Steen wurde die Verbindung von Kunstgeschichte und eigener künstlerischer Praxis  zu meinem didaktischen Leitmotiv.)

2008– Verdichten um ein literarisch vorgegebenes Thema eindringlich darzustellen. Ausgewogenes  Verhältnis von Inhalt und künstlerischer Lösung ( seit 1979 vielseitige Erfahrungen als Illustrator. 1996 „Vom Text zum Bild. Wege ästhetischer Bildung“)

2018– Mit 78 Jahren deutliche Steigerung des Interesses an der grafisch-künstlerischen Qualität mit Hilfe der Verdichtung. Das Thema ist nicht vorgegeben, sondern die Zeichnung „verdichtet“ sich mit jedem Strich von der ungefähren Form hin zum „grafischen Gegenstand“.

 

English Summary

When drawing the last days it seemed to me a very familiar kind of drawing, that I practised since ever. I chose and compared drawings, not sketches, of various periods. 1956: The selfportrait of the 17 years old  artist tells about orientation (cubism!) and curiosity. 1960- 2008: Drawings of the grown up, „settled“ artist are design statements and illustrations and show a good balance of matters and aesthetics. 2018 stands for the late artist, who has a major interest in the quality of performance and self- reference of art. Probably this is very different in everybodies life. But I think its worth to watch changes and devevelopments already in earlier years.

1956. Selbstporträt; Bleistift ,23×19,5 cm
2008. „Die drei Tauben“, Federzeichnung zu Peter Prange „Die Gottessucherin“
2018 „o.T.“ Bleistift, 16x 15 cm