Wabi Sabi ( Art77blog Nr.156)

Bei meinen Holzskulpturen sind der innere Raum und der Mantel gleich wichtig. Schalenformen werden mit Stechbeiteln ins Holz gehauen. Das Problem sind die Übergänge von Außen nach Innen. Vor kurzem wurde ich durch Japan-Freunde an die Wabi Sabi genannte ästhetische Lehre herangeführt. Zwar habe ich mich wiederholt mit dem Zen beschäftigt, aber erst jetzt wurde mir klar, dass es sich bei Wasi  Sabi um eine breite, sehr wirksame ästhetische Strömung handelt.

Im Fall der aktuellen Arbeit an einer Skulptur aus Olivenholz ging es allerdings nicht um Asymmetrie, Materialbewusstsein, schönen Verfall, kalkulierte Unvollkommenheit , sondern das Problem der Harmonie von  Innen und Aussen. Im Sinne des europäisierten Wabi Sabi ( Z.B. Axel Verhooven u.a. Apostel des Unvollkommenen, „InFinitum“) hätte ich möglicherweise die grob gehauenen Schalen als unvollkommen belassen können . Das geht aber nicht bei mir. Im Gegenteil erwärmte  ich mich dafür die Schalenränder geschmeidig, wie natürlich, in die Schale übergehen zu lassen. Das war eine gute Erfahrung – ob Wabi Sabi oder nicht.

Lit. Leonhard Koren, wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer: Japans Philosophie der Bescheidenheit. Wasmuth 1994

English Summary

There is a strong impact of Wasi Sabi (traditional japanese aesthetics ) on european art, architecture and design. Sometimes as simply decoration. I received from this Zen aesthetics a special kick while finishing a wooden sculpture.

 

 

Es gibt nichts Aufregenderes als das Entstehen von Kunst. (art77blog.Nr. 155)

Bild 1: Blick auf das Wilhelmstift mi Hauptportal und Lange Gasse. Graffit auf Bütten , 201 8, ©abc 2018
Bild 2: Blick auf die Gartenseite. Erweiterung der Perspektive. Grafit auf Bütten©️avc 2018
Bild 3: Leute, die vorbeigingen ( Entspannung, sehr warm); Grafit auf Bütten; ©️avc 2018
Bild 4: Rückkehr zum Ort des Verbrechens um Details festzuhalten. Grafit auf Bütten©️avc 2018

Ob meine künstlerische Arbeit oder die anderer, wenn eine Arbeit als fertig verstanden wird, ist die Spannung raus. Das hat nichts mit der Qualität zu tun.Das fiel mir beim Blick in mein Skizzenbuch auf, in dem die Annäherung an das Bild „Wilhelmstift“ festgehalten sind.

English Summary 

Very often  I find the approach to a an art- challenge much more exciting then the solution, the „work“ itself. Of course you may say: depends…

„Institut für angewandte Ikonologie“ ( art77blog,Nr.154)

©️Axel von Criegern,2018

 

 

 

 

 

 

 

Zuletzt hatte mich eine Strömung weit auf den Ozean der Fantasiewelten des exponentiellen Wachstums künstlicher Intelligenzen und maschinellen Lernens hinausgetragen. Gibt es da noch die Bilder unseres Alltags oder sehen sie nur noch so aus? Nachdem ich in den letzten Tagen immer wieder Versuche gemacht habe, näher an das computerische Malen und Zeichnen heranzukommen, zog ich heute einen (vorbehaltlichen) Schlussstrich. Ich wollte unangestrengt und unprogrammatisch mit Aquarellfarben spielen. Ich habe einfach eine schwarz-weisse Markerzeichnung, die auf dem Zeichentisch unfertig lag, mit Aquarell weitergeführt. Als ich einigermaßen fertig war, hatte ich das schöne Gefühl der „Erdung“ wiedererlangt.

©Axel von Criegern,2018

Aber die letzten Höhenflüge hatten offenbar Spuren hinterlassen. Wie heißt es so schön? Als „studierter“ Ikonologe und Künstler habe ich schon vor 50 Jahren von einem Institut für angewandte Ikonologie geträumt. Neben Motiv-Analysen in der Nachfolge Aby Warburgs , die alle Medien einbeziehen sollten, stünden künstlerisch-praktische Tests mit der modernen ästhetischen Kommunikation. Es blieb beim Traum. . Aber einem Traum, der mich noch heute bewegt. So kam es letztlich dazu, dass  ich ein Blatt mit Fernseh-Zeichnungen gestern Abend durch Schnitte und Faltungen zu einem „dramatischen“ Gebilde umformte.

English Summary 

One of my dreams is an „Institute of advanced iconologic studies“ including art practice. But since I am a dreamer and not an entrepreneur this dream  became never true. 

„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst)“ (F. Schiller, Wallenstein )( art77blog Nr.153)

Zumindest seit der griechischen Antike ist bekannt, dass das ernste, feierliche, „apollinische“ Moment der Kunst durch das triebhafte, anarchische, „dyonisische“ Prinzip gebrochen wird. Die römischen „Saturnalien“, mystische Feste und Kulte,  Umzüge und Tänze führen das weiter. Unser Mittelalter brauchte die Narren, Moriskentänzer, Gaukler, die Kirmes, Minnesänger und christlichen Mysterienspiele, die großen Erzählungen von Till Eulenspiegel u.a. In der modernen Kunst sind Spiel, Spott, Karikatur und die Bühnenkunst geradezu Ventile für den kulturellen und politischen Überdruck: Dada, Surrealismus, Paul Klee, Picasso, Dieter Roth , die großen Karikturisten, Comiczeichner,Bühnengestalter – zuletzt Georg Baselitz und Neo Rauch seien hier genannt.

Auch ohne in diese illustre Gesellschaft zu gehören, brauche ich immer wieder kindliche Regression und Aufmüpfigkeit, Comic und Cartoon, um nicht vom Ernst aufgefressen zu werden. In einem dieser „Anfälle“ entstanden die Figürchen aus lufttrocknender Modelliermasse. Es gab kein Ziel und kein Thema. Sie sollten absurd, drollig und bunt sein. Als ich gestern auf der Straße ein Acrylglas-Kästchen („zu verschenken“) entdeckte, sah ich die Möglichkeit die Figürchen wie in einer Menagerie zu präsentieren. Glamourös durch die Spiegel- Rückwand.

English Summary 

Many artists employed playful elements in their art. For me is it the spicy element, contrasting and complementing the „deeper“ periods of daily artwork.

Motiv und Motivation (art77blog Nr.151)

„Am alten Pankower Wasserturm“ , Smartphone, My brushes pro. ©️Axel von Criegern 2018

Der Begriff „Motiv“ ist der Kunst- und in Alltagssprache gleichermaßen vertraut. „Motivation“ ordnen wir dagegen zuallererst der Psychologie zu. In der künstlerischen Arbeit verschmelzen die beiden Begriffe. Das wurde mir deutlich, als ich während eines Berlin-Aufenthalts zwar die immer vorhandene Motivation (Lust ,fast ein Plichtgefühl) am Auseinandersetzen mit der Umgebung verspürte, aber keine rechte Gelegenheit dazu fand. Ein kleiner Spaziergang zum alten Pankower Wasserturm und ein Stop auf einer Bank am Spielplatz bot endlich eine Chance. Der Blick war dann doch nicht so toll, der Ausschnitt deckte sich nicht mit dem Motiv, das ich zu sehen erhoffte. Ich bekam den schlanken und den gedrungenen Turm nicht zusammen . Ich habe wenigstens eine Skizze der spielenden Kinder, -Baum drüber und gedrungenes Gebäude dahinter -, angelegt: time over, wir mussten zurück.

Gegen Abend konnte ich mich der mageren Ausbeute des Tages noch einmal zuwenden und in Richtung eines Bildes weiter behandeln. Ich finde, dass man am Ergebnis schön das Ringen um das Bild ablesen kann, das dann letztlich ein neues BildMotiv entstehen ließ.

„Alte Nationalgalerie“, Smartphone, My brushes pro; ©️Axel von Criegern 2018

Eine völlig andere Situation ergab sich am nächsten Tag. Wir wollten die Ausstellung „Wanderlust“ in der alten Nationalgalerie sehen. Angesichts der kilometerlangen Schlange haben wir uns auf der Wiese Liegestühle geschnappt ( „ Familiensonntag“) und im Halbschatten entspannt zugeschaut und gelesen. In Ruhe sind meine Augen über die Fassade mit allen Details gewandert und siehe da, das PostkartenMotiv  hatte seine Reize. Ohne Zeitdruck, die Motivation in harmonischer Übereinstimmung mit Situation und Gesehenem , konnten sich Motiv und Zeichnung entfalten.

English Summary

Motive“ is in the language of art and everyday life familiar. We know „motivation“ from Psychology and Behaviour Theory. If you study yourself practicing art you will notice that both act almost symbiotic.

 

Social media- ein Ort für meine Kunst-Erörterungen?(art77blog Nr.150)

 

„Spielwelt“; My Brushes ©️AvC 2018

Mal wieder Zweifel ob und wie meine Freude am Leben,Lernen und Kunst in den social media einen Platz hat  .

Dagegen die Überzeugung, dass gerade die Kunst,  die die Menschen in ihrem Alltag sucht und findet, in den social media einen wichtigen Platz einnehmen sollte. (Und das ja in diesem unberechenbaren Chaos bereits tut)

Eine weitere Überzeugung ist es  die elektronische Welt als Herausforderung  , als künstlerischen Gestaltungsraum anzunehmen um  daraus Anregungen für die eigene künstlerische Entwicklung zu bekommen.

Mein Beitragsbild überschreitet diesen Katalog: das Erlebnis der Befreiung durch den leichten Strich; -das  Spiel der Kinder und Erzieher # innen als erkennbare Beziehungs-Strukturen beobachten; –die Lebendigkeit der Szene, die formale Interessen überlagert, und in den Hintergrund drängt.

English Summary 

I take the crisis of the social media as a chance to fix the position of art and improve and structure it. As an artist I do just creating and reflecting.

Perspektive, Perspektiven (art77blog Nr.149)

AvC 2018 „Wilhelmstift“, 55x 75 cm, Acryl auf Bütten ©️

Wenn wir heute von Perspektive  sprechen , dann ist das die Zentralperspektive. In ihrer strengen ,mathematischen Form wurde sie zuerst in Italien im 15. Jhdt  konstruiert (Brunelleschi, Alberti) und hat seitdem unsere bildlichen Darstellungen und Vorstellungen bestimmt. Denkt man an die Fotografie, dann ist die Zentraleperspektive allgegenwärtig . Wie sehr wir bereit sind, diese Darstellungsweise als einzig gültige zu akzeptieren, merken wir an unserem Verhältnis zur Kinderzeichnung, zu mittelalterlichen Darstellungen, Simultanbildern , Volkskunst und uns ‚fremder‘ Kunst einschließlich religiös begründeter Bilderverbote. Der Gedanke, dass die Perspektive in der Neuzeit in verschiedenen Zusammenhängen ein imperialistisches und kolonialistisches Instrument geworden ist, liegt da nicht so fern. ( Vergleiche dazu u.a.Horst Bredekamp und Hans Belting). Jetzt zur Praxis.

Im Falle des „Wilhelmstift“ habe ich links einen Flügel des Gebäudes abgebildet, der beim Blick auf das grosse Tor zum Innenhof nicht zu sehen ist. Auch auf Kosten übertriebener Breite habe ich etwas von der Masse der Anlage vermitteln wollen. Wir kennen solche Effekte heute von Panorama- Bildern.

AvC ©️2018, „Hohentübingen“, Grafit und Acryl auf 55x75cm Bütten

Beim Schloss „Hohentübingen“ bin ich so vorgegangen, dass ich die ganze Anlage hochgeklappt habe. Das erinnert u.a. an die Darstellungen von Klöstern, die noch bis ins 19.Jhdt. in der Vogelperspektive erfolgten. So vermittelt sich die Vorstellung der Komplexität solcher Anlagen.

English Summary 

Drawing and painting two landmarcs of the  city of Tübingen, I stumbled straight in to the questions of central perspective and its dominance in modern history since 1500 a.c. I chose a panoramic and a bird-view perspective.

 

 

Abstrahieren, abstrakt, Stil (art77blog Nr. 148)

AvC, Tübingen 2018, Bleistift, Aquarell, Marker, 40x30cm.©️Axel von Criegern 2018

Die Geschichte des Begriffs ‚ abstrakte Malerei‘ ist faszinierend aber auch verwirrend (vergl. Fassmann, Kurt: „Abstrakte Malerei“ in Kindlers Malerei  Lexikon, Zürich 1985, Bd. Begriffe). 

Für mich waren und sind Piet Mondrians Bilderserien zum ‚Apfelbaum‘ oder ‚Meer‘ modellhaft für die Wandlung der naturnahen Auseinandersetzung  zu einer abbildfreien Bildsprache. Das ist ein grosser Unterschied zu Picasso, der sich nie vom Gegenstand getrennt hat. Paul Cezanne wird zu Recht als Stammvater dieses neuen Bildbewusstseins gesehen. Bekannte Positionen waren dann neben Mondrian, W. Kandinsky, Malewich , die Bauhaus-Lehre, Futuristen und Konstruktivisten. 

Zwischen dem ‚Abstrahieren‘ und dem Vermeiden von Gegenstands-Bezügen sehe ich den individuellen, ureigenen ,Stil‘. Man beginne nur auf einem Stück Papier, ohne Gegenstand aber mit ,Bild-Absicht‘ zu zeichnen. Es wird einem schnell klar, ob man festen Boden unter den Füßen hat, sprich sich im Territorium des eigenen Stils befindet. ‚Stil‘ ist wie ein Haus, das von den Grundmauern bis zum Dach entworfen und gebaut wird. Und ‚Stil‘ ist eine ‚Handschrift‘, die nicht vom Material oder Dimensionen abhängig ist. Er wächst heran wie die Persönlichkeit, ansonsten spricht man zu Recht vom ‚Stilisieren‘.

English Summary

To abstract something in art means to reduce an image to its essential issues. If we talk about ‚abstract art‘ it means an art without any representational intention, no reference to any real object. This concept of art has its origins in the nineteenth century, starting with Paul Cezanne and the impressionists. In the beginning of the twentieth century cubisme, futurisme, Piet Mondrian, Kandinsky, Malewich and the Bauhaus stand for important positions of this new art. ‚Style‘ is for me a very personal issue that basically has nothing to do with abstract art. A personal language in terms of art.

 

„Dein halbabstrakter Stil“ (art77blog Nr. 147)

    ©Axel von Criegern 2018

Ich wurde gebeten eine Reihe von Altstadt-Motiven „in deinem halbabstrakten Stil“ zu malen. Lange Zeit habe ich keinen solchen Auftrag gehabt. Als erstes griff ich auf eine vertraute Technik zurück und malte in einem nahe gelegenen Garten mit Feder, Tusche und Aquarell. Hübsch, aber weder repräsentativ, noch ‚halbabstrakt‘. Jedenfalls wurde mir das angesichts des Ergebnisses klar. Wild entschlossen machte ich mich daran die gegenüber liegende Kirche mit tastenden Grafit-Strichen zu erfassen um dann mit Ocker .Fleisch‘ dazu zu geben. Das Ergebnis war nach ersten Urteilen von Passanten dann doch nicht so schlecht. In der Folge wurde ich wieder ,rückfällig‘ und wollte ein 50x60cm Büttenpapier mit Feder und Aquarell gestalten. Das wurde nicht das, was ich mir unter repräsentativ vorstellte; und ‚halbabstrakt‘? Vergangenen Samstag habe ich Gouache-Farben gekauft und meine Acrylfarben ergänzt. Von diesen neuen Bildern zeige ich hier eines. Weitere hoffe ich bis nächste Woche hinzubekommen und bei der Stilfrage zu landen.

English Summary

When I was asked to paint some representative urban motives in my „halfabstract style“ , I was pleased and embarrassed. I never had a style and what the hell means representative? I started with pen,ink and watercolours. Nice illustrations, but certainly not representative! Drawing with thin grafit-lines and ocre a church right in front of my studio in a rather ,static‘ way I got an idea what representative could mean here. Next I purchased Gouache colours and designed paintings which could be called ‚representative‘ after all. This and the  word style will I discuss next week.

Die Dichter (Rederijkers)art77blog Nr.146

Axel von Criegern:„Rederijkers“, 2018. Acryl auf Leinwand, 100x70cm

Die Idee auf schwarzem Grund zu malen kam mir beim Betrachten der Fröhlichen Gesellschaften meines ‚Wahlverwandten‘ Jan Steen (1626-1679). Beim jüngsten Versuch habe ich das Thema der Versammlungen  von Laien-Dichtern, den ,rederijkers‘, in ihrem Vereinslokal übernommen. Sie waren bei Steen Zielscheibe gutmütigen Spotts. Ich denke dabei an den ,Peter Squenz‘ von Andreas Gryphius oder Shakespears ,Sommernachtstraum‘.

Auch hier habe ich eine Leinwand schwarz grundiert und dann darum gekämpft, dass die Buntfarben nicht vom Grund aufgesaugt werden. Das gelang nur in mehreren Schichten und kräftigen Weissaufhellungen. Die ganze Komposition wurde von diesem Streit zwischen  Licht und Dunkelheit bestimmt. Das weibliche Profil am linken Bildrand bekommt vor diesem Hintergrund eine eigene dramatische Rolle jenseits der Selbstdarstellung der Dichter. Beim ersten Bild dieser schwarzen Reihe (art77blog, Nr. 144) hatte ich fragile Linien zur Verbindung der Farbflächen benutzt. Gleichzeitig waren Sie Zeichen für ,Raum‘. In ähnlicher Funktion habe ich auch hier die Linien eingesetzt. Sie spannen sich wie Drähte über den dunklen Grund. Die Mitte wird durch ein ,Fadenkreuz‘ vor der Nase des Ober-Dichters markiert.

English Summary 

 ‚Rederijkers‘ were the laymen-poets in 16th / 17th century in oud Holland called. Jan Steen did in some of his paintings mock on them. In my approach to Steen I tried again painting on a black ground. The light female profile on the left is the counterpart to the weird ‚poets‘. The thin lines give hold to the colour patches and stand for space.