Rhythmus-Abstand-Raum (Nr.121)

Axel von Criegern, Basic Exercise, Bleisift, Acryl auf Papier, 20 x 16 cm, 2018

Allen meinen künstlerischen Projekten und Experimenten liegt ein langweiliges Muster zugrunde, gegen das ich arbeite und das ich doch brauche. Am besten lässt es sich als Gitter darstellen, in dessen annähernd quadratische Felder ich geometrische ZEICHEN einfülle. Dieses Gitter zu „animieren“ – das ist meine Kunst. In dem Umspielen  dieses Grund- Musters  fühle ich mich  Paul Klee  und letztlich dem Bauhaus  verbunden. Tatsächlich sind die ersten Schritte immer spielerisch, um dann bei jeder weiteren Entscheidung ernster und spannender zu werden. Auf dem Video zu diesem post gehe ich den ersten von vielen möglichen Wegen, den des „Schreibens“; Zeile für Zeile. Bei allem, was ich gestalte, geht es immer um eine Auseinandersetzung mit dem Raster. Sogar bei Material-Experimenten , Knautschen von Blech, langsamen Herausarbeiten von Formen aus Hartholz u.a.m. ist das Gitter das Maß aller Dinge‘.

English Summary 

In long, long years I realized, that all my artistic work has the grid as base. Without beeing aware of this, the vision of a grid is the  support and hold of my practical work and also of critique. But this is not a simple guide. In the same moment when I feel guided I start to fight against it and struggle or freedom. So art happens  for me between two extremes. Of course I feel very much related to Paul Klee and his years at the „Bauhaus“. See also my corresponding video on YouTube.

YouTube :Axel von Criegern Mein Film 3

Art happens

„The medium is the massage“ ©Foto AvC mit Einverständnis der schönen Unbekannten,2017

„The medium is the massage“ heißt ein Bestseller des Medienanalytikers Marshal McLuhan, der in Zusammenarbeit mit dem Grafikdesigner Quentin Fiore entstand und 1967 erschien. In anderen Zusammenhängen spricht McLuhan auch von „The medium is the message“. Für uns junge Kunst-und Medienkritiker war das ein wichtiges Buch. In populärer Form führte es Walter Benjamins Gedanken zum „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ weiter. Ebenso wie John Bergers (u.a.) „The ways of seeing“.

Eigentlich hatte ich diese uns damals stark prägende Diskussion unter „es war einmal“ abgelegt, als ich jetzt in der „Kunstzeitung“ vom Februar 2018 auf einen Aufsatz des jungen Kunstwissenschaflers Daniel Hornuff stieß: „Vernetzte Kunst (…) Über das Verhältnis von künstlerischer Praxis und sozialen Medien“. Die Lektüre rief nicht nur obige Erinnerungen ab, sondern traf mich persönlich voll was den Art77blog angeht. Ich habe bis auf wenige Videos( s.YouTube) doppelt gesündigt. Erstens schreibe ich über Gestaltungsprozesse, die ich lediglich „still“ wiedergebe, zweitens nehme ich keine Rücksicht auf unsere Mediengewohnheiten: Im Unterschied zu 1970 sind wir heute mehr an bewegte Bilder gewöhnt. Nur daher erklärt sich auch der Film „Loving Vincent“. Für Art77blog ziehe ich daraus den Schluss meine Erfahrungen in Bewegt-Bildern zu vermitteln. „Art happens“ ist ein holpriger Anfang. Neue Probleme zeichnen sich bei der geforderten Kürze ab. Da gilt im doppelten Sinne: „Mal sehen!“

Das Video „Art happens“ ist auf Kanal Axel von Criegern in „YouTube“ zu sehen und in Facebook gepostet.

Ein produktiver Umgang mit antiken „Ikonen“ (Nr. 119)

 

Menade des ,Skopas (frühes 4.Jh. v.Chr.) und AvC:Zink und Buntlack

Einem -aus meiner Sicht-jungen Archäologen der Uni Tübingen (Prof.Dr. Richard Posamentir) verdanke ich das angenehme Gefühl, dass die historische griechische Kunst noch gegenwärtig ist. Völlig unangestrengt gelang es ihm die Gipsabgüsse in der Sammlung auf Schloss Hohentübingen in einem Vortrag vor württembergischen Kunsterzieher(rinne)n lebendig zu machen. Die Figuren, ihr Thema und ihre Gestaltung wurden in Vergangenheit und Zukunft und anderen Kulturen aufgespürt! Es war, als ob sie aus ihrem Winckelmannschen,mattweissen Gefängnis befreit worden wären. Seit meinem lange zurück liegenden Archäologiestudium habe ich das selten erlebt. Ein solches Vorgehen ist mir eher aus der Kunstgeschichte Marke Ikonologie vertraut.

Kentaur und Cupido (hellenistisch) ©AvC

 

„Dornauszieher“( hellenistisch)©AvC
„Gänsewürger“ (hellenistisch)©AvC

Die Zeitmaschine versetzte mich in eine nun schon einige Jahre zurückliegende Situation in eben dieser Abgussammlung. Ich hatte mir von der damaligen Sammlungsleiterin die Erlaubnis geholt in den heiligen Hallen mit meinem Zinkblech und zugehörigen Werkzeugen während der Besuchszeiten zu arbeiten. Ich suchte „bekannte“ Skulpturen aus und begann mit Zeichnungen auf Papier. Dann ging es ohne Vorzeichnung ans „freie“ Schneiden aus einem Stück ohne Abfall. Das klingt komisch, ist aber ein disziplinierendes Prinzip. Man ist dadurch gezwungen die Nachbildung nicht nur so stimmig und ästhetisch wie möglich anzugehen, sondern auch „ökonomisch“. Die größten Schwierigkeiten machten die Figuren, bei denen die „Plinthe“ ( Sockel) ebenfalls aus diesem einen Stück Blech geschnitten werden musste. Das war z.B. beim hier nicht abgebildeten „Sterbenden Gallier“ der Fall. Wohl um die Farbenfreude der alten Griechen wissend, habe ich einige Ergebnisse anschliessend mit Buntlack farbig gefasst. Sich aktiv gestaltend zwischen diesen Ikonen zu bewegen und sich sozusagen in ihre künstlerischen Probleme und Lösungen einzumischen, hinterlässt einen bleibenden Eindruck von Vertrautheit.

English summary

One day I had the chance to work in the show room of the Department of Archaeology at the MUT (Museum of the University Tübingen). I chose some plaster cast prominent statues and started to cut them in zinc. Cutting the metal I didn‘t want to waste even a tiny piece folding and bending them to statues I tried to stay close to the original. Some of them were  painted in bright lacquer afterwards, well aware of the polychrome-struggle since the 19th century. It was exciting to dive this way into a time,that was so important for the western culture.

Posamentir, Richard: „Den steinernen Figuren auf den Grund gehen- ausgewählte Beispiele der griechischen Plastik und ihre tiefere Bedeutung“ und: „Not the Classical Ideal- der Blick der Griechen auf das Fremde in Plastik und Vasenmalerei“. Der Vortrag wurde am 27. Januar 2018 gehalten. Eine schriftliche Fassung ist mir nicht bekannt.

Mein steiniger Weg zu Johann Sebastian B. (Nr. 118)

Bach intim. My brushes. ©AVC 2018
Bach-Blech; Arbeitsfoto. ©AVC 2018

Seit Wochen geistert J.B. Bach in meinem Kopf herum. Offensichtlich etwas leichtsinnig habe ich mich für eine Gruppenaustellung im Rahmen des Tübinger Bachfestes 2018 gemeldet. Nach dem Motto „ich höre beim Arbeiten sowieso immer Musik…“ hatte ich mir dabei nichts böses gedacht.  Nach einigen Recherchen und zeichnerischen Annäherungen, die aber nicht vielversprechend waren, habe ich es mit meinem strukturalistischen  „Hauptprogramm“ versucht.

Zwar fühle ich mich jetzt redlicher und seriöser, aber keineswegs auf der sicheren Seite. Vorgestern habe  ich wie oft ein Blechbild ohne inhaltliches Thema ausser dem Vorsatz ein gutes Bild zu schneiden, begonnen. Gestern habe ich dann nach einem kurzen Gespräch  mit einer Bach-begeisterten Freundin versucht beim Schneiden an Bach zu denken und dabei die Sonaten 3 und 4 für Violincello gehört. Aber das Schneiden und das Hören verbanden sich nicht und fanden nicht zueinander. Heute Vormittag habe ich auch noch eine befreundete Pianistin zu ihrer Bach -Meinung befragt. Sie reagierte fast ehrfürchtig vor der ungeheuren Leistung des Meisters. Er sei „zeitlos“. Dabei ließ sie durchblicken, dass mein Musikverständnis wohl letztlich über die jugendliche Romantik-Begeisterung nicht weit hinausgekommen sei.

Nachmittags im Atelier 3 Stunden Blech und 3 Stunden Bach -die Brandenburgischen Konzerte 4,5,6. Drei mal angehört. Die Konzerte gewannen stellenweise Ohrwurm-Qualität; andere Passagen klangen plötzlich unerwartet modern.Meine Schnitte begannen den Rhythmus aufzunehmen. Sie machten ihn sich zu eigen. Als ob das Blech auf die Bachschen Frequenzen antworten würde. Wahrscheinlich ist das schon wieder ein romantischer Zugang. Morgen wird sich zeigen, ob das Ganze nicht ein „Wunschkonzert“ war. Mein Weg zu JSB ist jedenfalls im biblischen Sinne ganz schön steinig und dornig. Aber das soll ja der Weg der Tugend sein.

English summary

Art doesn‘t come easy! I applied for a show with the subject „Johann Sebastian Bach“. Once admitted I realized soon how difficult the work would be. My first approach after some research was an illustrative one- and I failed. This is more stuff for an essay but not for a show referring to one of the giants of music history. Next I tried to work cutting metal sheets for a kind of relief, a technique, which I had practiced already a couple of times before. Something amazing happened while I listened to the „Brandenburgische Konzerte“. Between metal and Bach a spiritual relation seemed to grow. The result was far away from satisfying, but I had the feeling to come closer to the music. So I will go on studying Bach as a plumber.

 

Cosa sono le nuvole? Was ist das -Wolken? (Nr. 117)

Buch zu zwei Ausstellungen über ein Bild von Jan Steen (2004)

 

In der am 14. Januar zu Ende gegangenen Ausstellung von und über Alexander Kluge im Stuttgarter Kunstverein stieß ich auf Pier Paolo Pasolinos 20-minütigen Film „Cosa sono le nuvole?“ Für mich war das ein großes Erlebnis. Ich war wie gebannt. Dieser 1968 gedrehte Film enthält alles, was mich damals umtrieb und heute noch nachwirkt:Schauspieler, die wie Marionetten (Burattini) von oben mit Schnüren geführt werden, spielen Shakespears „Othello“: Jago (Toto´) dämonisch grasgrün angemalt, der Mohr mit großen Augen und unendlich naiv aus dem geschwärzten Gesicht blickend- das ganze Ensemble echte Straßentheater-Typen. Man kommt schnell zur Sache. Jago stiftet Othello dazu an die Gattin Desdemona aus ( unbegründeter) Eifersucht umzubringen. Das leuchtet dem Publikum überhaupt nicht ein, die Bühne wird gestürmt, Jago und Othello werden niedergerungen und von der Müllabfuhr entsorgt. Der angebliche Liebhaber und Desdemona werden gefeiert. Jago und Othello landen auf einer Müllkippe. Dort sehen sie das erste Mal den Himmel und Othello fragt den erfahreneren Jago, was das da oben sei und als der sagt „Wolken“,  kommt das entwaffnende:  Was sind Wolken?

Ebenfalls 1968 hat Kluge seinen preigekrönten Film „Artisten in der Zirkuskuppel:ratlos“ gedreht. Auch er bewegt sich in einer Fantasie-Wirklicheit. In Stuttgart greift er Pasolinis Gedanken der Verantwortung und Eingriffsmöglichkeiten aller Beteiligten unter Hinzuziehung weiteren Materials auf. Kluge stand der „Frankfurter Schule“ nahe und war mit Adorno befreundet. Uns Jüngeren war er als Kulturschaffender durchaus ein Begriff .Ich kann versuchen meine Situation 1968 zu beschreiben um die Einflüsse aufzuspüren. Aus Gesprächen mit Jüngeren weiß ich, daß unsere Offenheit nach allen Seiten und für alles  einschließlich „multi tasking“ heute nicht mehr denkbar, bzw. anzuraten ist: Zugleich Kunstlehrer, Familienvater und Student, Galerist und Zeitungszeichner, von POP und Marx angezogen, Doktorand und Institutsstürmer. Die Wirkungen auf meine spätere Arbeit kann ich am deutlichsten am Versuch Kunstgeschichte und künstlerische Praxis zu verbinden, nachweisen.

Als „zweite, künstlerische Dissertation“ (Peter Klaus Schuster in seiner Eröffnungsrede der Ausstellung „Wie die Alten sungen…“ 1999 in der Kunsthalle Tübingen) begann ich 1996  Jan Steens ( 1626-1679) Bilder regelrecht zu durchpflügen und alle  denkbaren Aspekte einzubringen. Während die Dissertation (Vergl. “ Abfahrt von einem Wirtshaus“  in Oud Holland. Driemaandelijks  Tijdschrift voor Nederlandse Kunstgeschiedenis, Nr. 1, 1971, S. 9-31) noch brav war, hatte ich in den Folgejahren schier grenzenlose Freiheit. Ohne den Schub von 1968  wäre die vielperspektivische, zum Alltag geöffnete, künstlerisch erweiterte und weitergeführte Auseinandersetzung mit historischen Kunstwerken , die bis zu einem Theaterstück, das die „Abfahrt“ als „Narrenschiff“ auslegt, geht, nicht denkbar gewesen.( Vergl. „Dramaturgie eines Bildes. Jan Steen (1626-1679), „Abfahrt von einem Wirtshaus“. Giessen, Tübingen 2004). Jetzt im fortgeschrittenen Alter ist es nicht immer einfach unschuldig zu fragen „Cosa sono le nuvole?“ Umso dankbarer bin ich für solche (selbst-)begeisternden Wiederbegegungen.

English Summary

Everybody has one day experienced the powerful impact of an artwork. That happened to me in an exhibition of Alexander Kluges latest  works. Here was it particularly a film by Pier Paolo Pasolini “ Cosa sono le nuvole?“ ,What are clouds? Finally I found out, why I was so excited about that film and the way Alexander Kluge worked with it. The key is the year 1968, when we – Pasolini(born 1922, Kluge (born 1932) and me (born 1939) realized, that new cultural and social powers affected actual and future work and life.

 

 

 

 

Sch

Das „Brummkreisel-Syndrom“ ( Nr. 116)

AvC, „Sun city“, copyright 2017.Alu-Blech, Acryl, auf Holzrahmen montiert Höhe ca 100cm, Jahresausstellung des Künstlerbundes Tübingen 2017

    

Wen es interessiert: Auf die Frage „ Warum verwendest du Metall?“  kann ich jetzt mit einem dritten Punkt antworten. Punkt eins war das Ergebnis der Suche nach einem stabilen, haltbaren und relativ leicht zu bearbeitenden Werkstoff für die Herstellung von spielbaren Figuren, einschließlich Bühnen-Versatzstücken. (s.art77blog. 22.12.2017 „Jan Steen und das Blech“) . Der zweite Punkt bediente mein Interesse an der Befreiung von Bildern aus der zweiten Dimension ohne das Format „Tafelbild“ aufzugeben. ( s. art77blog.01.09.2017 „Blech-Paar und Vollmond.“ ). Frühe Beispiele für dieses Bemühen findet man in süddeutschen Barockfresken, aus denen z.B. ein plastisches Bein ragen kann. Als dritten Punkt habe ich nun das „Brummkreisel- Syndrom“ entdeckt. Dabei beziehe ich mich auf die bunten, metallenen Kreisel mit Drill-Antrieb ( wie ein Drillbohrer). Die gerieten in meiner „zweiten Kindheit“ nach dem WK 2 , mit 6-7Jahren, in mein Blickfeld. Als Geschenk waren sie für ein Flüchtlingskind soweit weg wie der Mond. Die Farben dieses Sehnsuchtsobjekts waren in der Regel metallisch- bunt und hochglänzend. Dies ist das archaische Motiv für meine Liebe zum Blech. Es glitzert, es ist marerialisierter „Glamour“ und es hat transzendentale  Qualität und repräsentiert hohe Werte. Zwar sind Zink-oder Aluminiumblech nicht so prominent wie das Sonnen-Gold der alten Ägypter oder der Minoer und weniger göttlich als das der Azteken. Aber es gibt ja noch den Schatz des Nibelungen, den Herrn der Ringe, die Münzfunde und den Goldgräber-Rausch, der von uns Besitz ergreift, sobald wir etwas metallisch blinken sehen. Es könnte ja ...

English Summary 

The „Humming-top- Syndrom“. Thats how I call the fascination of glittering, painted metal because I was as a child in love with these precious looking toys. I have used zinc-and aluminium sheets first to shape puppets and later for paintings and reliefs. And I must say that the glamour of reflecting metal has’nt lost its power.

Kunst und kulturelle Wellness (Nr. 115)

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Dieses Bildchen entstand schon vor 2 Wochen. Ich wollte dazu eigentlich etwas über künstlerische Grundlagen und Vertiefung schreiben. Durch ein nachweihnachtliches Erlebnis nahmen diese Überlegungen eine denkwürdige Wende. Unter den Familien-Geschenken entdeckte ich Bücher, die in Richtung Popularisierung von Kunst verweisen, und die durchaus witzig sein können, wie die  Montagen von „Promi“- Köpfen in historische Kunstwerke. Beim Stöbern auf dem Buchmarkt war ich baff, was es da schon an Kunst-Beglückungen gibt. Bei „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“ wurde ich allerdings alarmiert. Das ist es doch worum es letztlich allen Kunstaufklärern geht?!  Letztlich mir auch. Aber hoppla! Ein zartes Madonnen-Relief von Donatello aus dem 15. Jahrhundert, soll der Anstoß zum Nachdenken über „Genderfragen“  und „Zärtlichkeit“ sein und ein Museumssaal zum Wohlfühlen einladen? Ich war ziemlich erbost und witterte den Missbrauch von Kunst.

Ein langes Gespräch mit meinem vernünftigen Sohn auf einer langen Autofahrt kühlte mich etwas ab und ich begann größere Zusammenhänge zu erkennen:

-Praktisch hatte mit Marcel Duchamp das Kunstwerk seine Aura eingebüßt. Den Rest gab ihr dann Walter Benjamin mit seinem unvergessenen Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

-Noch härter wurde die Gangart bei Adorno und Horkheimer, die mit ihrer Vernunftskritik einen Tsunami der Kritik am bürgerlichen Kunstbegriff auslösten.

-In der Kunsttheorie ( z.B.John Berger) und in der Kunstpraxis (POP- Art…) wurde der Übergang zwischen Hoch- und Trivialkunst, zwischen Gemälde und Werbefoto geebnet.

– In einem großen Roll back wurde 1980 ff. die gesellschaftspolitische Komponente der Kunst aus dem Weg geräumt. Optimistische Statements, wie die von Beuys, daß jeder ein Künstler sei, wurden verharmlost und damit ideologisch umgedreht.

-Die Welle der Ratgeber, die Wellness- und Beglückungskultur, hat parallel zu einem immer mächtiger werdenden Kunstmarkt und der Event- Vereinnahmung der Kunst auch den psychologischen Mehrwert der Kunst entdeckt. Nicht nur Bilder machen glücklich, sondern auch die Musik zwischen meditativen, hypnotischen oder weichgespülten Klassik-Klängen.

Wenn alles so klar ist, wozu dann aufregen? Dazu muß ich sagen, daß ich als Künstler, Theoretiker und Pädagoge unter dem Einfluss der kritischen „Frankfurter Schule“ der Soziologie und Philosophie stand. Kunst war für mich ein Produktionsbereich, der immer wieder hinsichtlich der Tauglichkeit zur Verbesserung der Gesellschaft und des Einzelnen zu überprüfen war. Begünstigt durch das Scheitern sozialistischer Ansätze wurde dieses aufklärerische Motiv bis zur Unkenntlichkeit geschwächt. Das individuelle Wohlergehen losgelöst von der gesellschaftlichen Verantwortung wurde rasend schnell zum alleinigen Motiv und Maßstab. Das konnte ich alles mit einer gewissen Abgeklärtheit hinnehmen, war und bin ich doch von der ureigenen Sperrigkeit der „guten“ Kunst gegenüber Vereinnahmungen jeder Art überzeugt. Hier ist aber auch der Schwachpunkt meiner Überzeugung. Kunst kann sehr wohl auch Therapeutikum, ja Narkotikum sein. Im Grunde ist es die Kaltblütigkeit und Selbstverständlichkeit, die mich ärgert, mit der  Kunstwerke- aber auch die Philosophie, Musik u.a.m.-dabei instrumentalisiert werden: Vitamine, Mineralien und andere Ergänzungsstoffe zum individuellen Wohlbefinden extrahiert und in bekömmlich Dosen verabreicht. Davor schützen auch  Namen wie  Ai weiwei, Immendorf oder Beuys. nicht. Eine gut „gemanagte“ und „gecoachte“ Wellness-Kultur zieht auch der grausamsten Realität den Stachel.Die Sprache wurde längst mit allen Registern zwischen dümmlichem Anbiedern, Gefühlsapell und dreister Eloquenz dafür in Beschlag genommen.

Ist also der Gegenwert der Intensität, der Arbeit, der Kreativität, des Ärgers, der Konzentration und des guten Gefühls, die mich als Produzenten bei der Arbeit an einer knapp 10×10 cm großen Zeichnung leiten, die psychische Wellness-meine und die der anderen?  Z.T. ja – als wichtige persönliche Belohnung. Aber als Motiv reicht das nicht. Vielmehr ist es die Hoffnung mit jedem Versuch etwas zur Verbesserung der existentiell für alle Menschen wichtigen Kultur beizutragen. Kultur ist unsere Geschichte mit allen denkbaren Irrungen und Wirrungen. Verbessern heißt in erster Linie neu Entwickeln, Umformen, Erweitern und nicht nur das vor uns geschaffene auf seine Verwertbarkeit als Wellness- Faktor abzuklopfen.

Und jetzt mal das Sauertöpfische und Moralingesättigte auf die Seite: Verstehen wir die wellness-Kritik konstruktiv als eine  Facette der Kultur, sozusagen unser kulturelles schlechtes Gewissen. Wir brauchen auch dieses dringend um unsere Kultur umfassend leben zu können.

Lit. Das Buch,auf das ich so heftig reagiert habe, heißt „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“, ist von John Armstrong und Alain de Botton und ist im Suhrkamp -Verlag erschienen.

English summary

Looking at recently published art books I realized how many of them emphazise on feelings and happiness. Historical works of art as wellness-aids? Even if we agree it is worth to remember the development of art appreciation since 1900. Enjoying cultures includes knowledge of the historical structures as background and base. 

Künstlers Weihnachtsbotschaft (Nr. 114)

Weihnachten 2017

Der spätabendliche Gottesdienst an Heiligabend in der kleinen Dorfkirche hatte in mir einen Widerstand geweckt. Ganz dahinten war wohl Gott, davor aber ziemlich viel Zirkus. Das beschäftigte mich noch zwei volleTage,in denen ich versuchte der Sache auf den Grund zu gehen. Die Geschichte des jüdischen Wanderpredigers Jesus und die Entwicklung der Geburtsdarstellungen seit dem 4.Jh sind zwar sehr spannend, ergaben aber keinen Hinweis auf das Brummeln in meinem Bauch. Als nächstes landete ich bei der Kirchenkritik. Ein riesiges Feld, nicht unbedingt erfreulich und für mein Bauchgefühl eine Nummer zu groß. Gestern mitten in der Nacht erlebte ich dann etwas verblüffendes, ja eigentlich kaum glaubliches. Ich hörte eine Stimme, die von oben rief: „Freiheit, Liebe und Spiel  sind deine persönlichen Geschenke!“  Schlagartig fühlte ich mich frei von jeder Last und glücklich wiederholte ich dieses Mantra immer wieder„Freiheit, Liebe, Spiel“.   Dabei zogen Namen durch meinen Kopf: Martin Luther King in der Kategorie Freiheit, Friedrich Schiller in Bezug auf das Spiel und den ganzen Menschen. Von einigen Menschen wird das Verspielte meiner Kunst immer wieder betont. Der Name Friedrich Nietzsche sollte  wohl  für die Unbegreiflichkeit dieser Situation stehen. Hat aber auch eine naheliegende Erklärung im geplanten Besuch des Nietzsche-Hauses in Sils Maria. Wie sehr ich besagte Unruhe auch meiner Arbeit am blog art77blog zuzuschreiben habe, zeichnete sich darin ab, dass ich an die englische Übersetzung meines Mantras dachte und ob Schiller mit „play, playing“ einverstanden gewesen wäre…Aber da war ich wohl schon zur Hälfte wach.

27. Dez. 2017

.English summary

The christmas service in the little church wasn´t the same as every year- for me. There still was god in the background, but here and now was too much strange action. The other day I  studied the story of Jesus, I studied the devellopment of the representations of his birth beginning in the 4 th century a.c., but it didn´t help. In the following night I heard a voice from above telling me that Freedom, love and  playing were the special christmas gifts for me. OK. I was dreaming, but felt afterwards so happy, that I repeated this mantra even the other day feeling much better now.

Jan Steen (1626-1679) und das Blech ( Nr. 113)

Jan Steen  (1626-1679), Abfahrt von einem Wirtshaus, Staatsgalerie Stuttgart
„Rederijker“
Die Kartenspieler; Aluminium, geschnitten , unbemalt
…und lackiert
Spielmann ( 360 Grad)
Die Bild- „Mannschaft“  auf einer Treppe (mit Künstler)

Die „Abfahrt von einem Wirtshaus“ des niederländischen Malers Jan Steen (1626-1679; Staatsgalerie Stuttgart) habe ich als zweites Bild einer Steen-Reihe verarbeitet. Mit der Bedeutung hatte ich mich im Rahmen meiner Dissertation 30 Jahre zuvor vertraut gemacht. Jetzt war mein Ziel das Bild zu „öffnen“- und zwar in jeder Hinsicht. Wir sollten uns physisch hineinbewegen können und lebendigen Zugang zur „Handlung“ finden. Das erste Konzept war eine Revue mit beweglichen Figuren. Pappe schied  als nicht robust genug aus. So landete ich beim Blech. Die gesamte „Mannschaft“ des Bildes wurde aus Zinkblech geschnitten und farbig lackiert. Die Handlung schrieb ich in Form eines Laienspiels a‘ la Shakespears „Sommernachtstraum“  oder „Herr Peter Squenz“ (Andreas Gryphius). Auch in den Niederlanden gab es vorwiegend von Handwerkern gebildete literarische Gruppen mit dem schönen Namen „Rederijker“, Rhetoriker. Studierende der Kunstpäagogik und der Theaterwissenschaft der Uni Gießen übten das Stück ein. Wir spielten das Stück „ Das Narrenschiff“ auf einer Puppenbühne des Instituts für Kunstpädagogik. Die Figuren wurden mit schwarzen Holzstäben geführt. Die vier schwarz gekleideten Herren sind Rederijker, die den dramatischen Rahmen liefern.

Sowohl für Ausstellungen des Projekts ( 2004 Kunsthalle Giessen, 2004 Kulturhalle Tübingen ; Katalog : „Dramaturgie eines Bildes. Auseinandersetzung mit Jan Steen (1626-1679 ): Abfahrt von einem Wirtshaus“ (ISBN 3-933916-12-7) als auch für größer ausgelegte Aufführungen erarbeitetete ich große Figuren. Sie wurden mit der Stichsäge aus Aluminium geschnitten und bunt lackiert.Faszinierend war die Idee der Tübinger Tanztheatergruppe „Treibhaus“ zum Abschluss der Tübinger Ausstellung mit den Figuren zur Musik rumänischer „Fanfaren“ zu tanzen.

Einen Schritt weiter ging ich mit einem Nicht-Steen-Projekt, in dem ich antike Figuren (Gipsabgüsse) möglichst vollrund aus Zinkblech formte und im Abgußsaal des Universitätsmuseums TüBingen ausstellte. Von diesen Erfahrungen profitierte ich bei einem weiteren Steen-Projekt, in dem ich die Figuren des Kasseler „Dreikönigsfestes“/“Bohnenfestes“ in ca 60 cm hohen Rundfiguren aus Zinkblech nachschuf und 2007 in der Galerie des Künstlerbundes Tübingene.V. ausstellte.

Literatur zu den Steen-Projekten:

Abfahrt von einem Wirthaus. Ikonografische Studie zu einem Thema von Jan Steen. In: Oud Holland. Tijdschrift voor Nederlandse Kunstgeschiedenis 1/1971, S. 9-32 ( Kapitel aus meiner Dissertation).

2oo3 der Katalog zum Stuttgarter Bild Steens (s.o.). Dort eine Reihe von Aufsätzen und Büchern zur Schnittmenge von meinen Steen-Forschungen und der Ästhetischen Erziehung

„Wie die Alten sungen…“ Auseinandersetzungen mit einem Bild von Jan Steen (1626- 1679). Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen ,1999. Dazu erschien ein Katalog. Tübingen, (Gulde)

„Lustige Gesellschaft auf einer Gartenterrasse“. Ein Bild-Bild-Diskurs über ein Gemälde des niederländischen Malers Jan Steen (1626-1679). München, koepäd 2006.

Einen Überblick über meine Steen-Projekte bietet meine homepage https://axel-von-criegern.de

English Summary:

My metal-sheet-work startet 2003 when I wanted to transform a picture by the  dutch painter Jan Steen (1626-1679) into a cabaret-show. Cartboard was not solid enough , so I tried zinc -sheets.. Fore another Steen- project with bigger figures I used thick sheets of aluminium- much lighter than zinc.

 

 

„Art77blog“ als Sprach-Bild-Symbiose (Nr.112)

Nr. 112, 2017 ©AVC, Marker,Grafit
Nr. 112,1. 2017, Marker; ©AVC

Die Arbeit an diesem Blog kann ich wunderbar als „ Als Vergesellschaftung von Individuen zweier unterschiedlicher Arten, die für beide Partner vorteilhaft ist.“ (Wikipedia) verstehen. Die Symbiose von Blog-Text und zugeordneten Bildern soll für beide vorteilhaft sein. Die beiden kleinen Bilder oben entstanden während Tagen intensiven Studiums des Verhältnisses von Sprache und Bild. Sie sind wie ein Echo dieser Studien, individuell, keine Illustrationen. Der Text ist ein Niederschlag dieser Studien, ebenfalls individuell für diesen Blog geschrieben. Ein Vorteil dieser Symbiose liegt im klar begrenzten Bezug „beider Arten“ aufeinander . Ein weiterer im exemplarischen , kurzen Text, der dem Leser die Übertragung auf eigene Erfahrungen erleichtert. Die Entstehung dieser „Vergesellschaftungen“ von Sprache und Bild ist,  im Unterschied zur Biologie, dynamisch vorzustellen. Sie wachsen durch aktuelle Erlebnisse ausgelöst auf dem Humus von 78 Lebensjahren  und bilden mit-und untereinander sich ausdehnende Netzwerke.

Hier drei von den inzwischen 112 „Symbiosen“ als Beispiele:

Nr. 105 Aus dem beiläufigen Spiel mit kleinen „Mannequin“ genannten Gelenkfiguten in einem Geschäft für Künstler-Bedarf, entsteht ein Exkurs zu Figuren-Automaten und mechanischem Ballett.

Nr. 107. Ein Theologenfreund ist so mit meinen Arbeiten vertraut, dass er sie mir gelegentlich im Atelier erklärt. Anlässlich von Ausstellungen in seiner Kirche kann das auch in eine Predigt verpackt geschehen. Bei einem solchen Anlass entstand das Porträt des Kunstexegeten.

Nr. 109. Das politisch akuelle Stichwort „Streitkultur“ löst die Entstehung von Bild und Text zu einer künstlerischen Streitkultur aus.

English summary

I understand the relation of language and image in ‚art77blog‘ as a „symbiosis“. Together they form a special tool to explore artistic experience.

Literatur.

Im Post Nr. 110 „Vor-Schriften und Vor-Bilder. Überlegungen zur grafischen Kommunikation.“ und Nr. 111: „Die Zeichen haben mich wieder!“ gebe ich aktuelle Hinweise auf Papiere und Vorlesungen zum Thema Sprache und Bild“ (Maria Moog-Grünewald) und „Grenzgänger“, bzw. die Schwelle zwischen Sprache/Schrift/ Text und Bild ( Jürgen Wertheimer). Von meinen eigenen Arbeiten sind mir zu diesem Thema die anlässlich einer Ausstellung 1996 in Rottenburg a.N. erschienene Schrift „Vor- Bilder/ Vor-Schriften“ und das im selben Jahr beim Deutschen Studienverlag Weinheim erschienene Buch „Vom Text zum Bild“ wichtig.