Eine Bildblockade lösen (Nr. 101)


I  

Seit Tagen lag auf meinem Arbeitstisch ein Bild, das ich nicht für einen Post verwendet habe, ‚ untätig ‚ herum. Es war kein Spitzenbild. Ein großer vertikaler Abschnitt besetzte das linke Drittel der Bildfläche und mit den weiteren kleineren Bildteilen schaffte ich keinen annehmbaren Ausgleich. Das Ganze bestand aus einzelnen Motiven ohne erkennbaren Zusammenhang. Ich erinnere mich daran, dass eine meiner Rettungsaktionen darin bestand, dass ich die Szenen durch schwarze Linien rahmte und zugleich von den Nachbarn trennte. Das machte das Ganze noch starrer. Gestern Abend nahm ich- leider ohne das Bild vorher zu fotografieren- kurzerhand die Schere und zerlegte das  Bild. Und siehe da, die Einzelteile begannen zu leben, schienen Luft zu bekommen.

Was war da nun eigentlich geschehen?  Mit meinem Drang zum Erzählen hatte ich ein Blatt locker assoziierend gefüllt. Dabei ging mir der Überblick verloren. Durch Rahmen versuchte ich eine Struktur   zu schaffen, die eine Bedeutung hervorbringen würde. Ich hatte nicht bedacht, dass das  Bild nun erstarren würde. Das Zerschneiden hat die einzelnen  Bilder freigesetzt und ihnen eine Autonomie gegeben. Das reizte bei einigen Motiven dazu mit ein paar zusätzlichen Strichen Akzente zu setzen und sie so aufzuwerten. Mit der ganzen Aktion hatte ich nicht nur eine Blockade gelöst. sondern den Vorhang zu einem Bildtheater geöffnet.

English summary

Maybe you know that story. After finishing a drawing I realized that it didn´t work. There was no balance. I painted thicker framelike lines, but the whole thing became rigid. So I gave up and forgot this ´masterpiece´. In a kind of rush I cut it the other day in pieces, following the frame lines. And now happened a strange thing. The little pictures began to breathe and became somehow independent. For me was it as if the curtain in a theatre had opened for a new play.

 

Raum und Bildraum (Nr. 100)

 

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Anlässlich einer Ausstellungseröffnung ging es u.a. um die „Abwesenheit des Menschen“ auf den ausgestellten Bildern von 3 Künstlerinnen.(1). Das regte mich dazu an mich selbst über meine eigene Einstellung zu Figur, Raum, Platz zu befragen. Ich machte mit dem mir im Blut liegenden ´visuelle Denken´  Notizen, Skizzen, Zeichnungen.

Die farbige Skizze entstand als ich aus dem Fenster eine kleine Gruppe, die vor dem benachbarten Teeladen gelegentlich  musiziert und das sich auf der gegenüberliegenden Strassenseite versammelnde Publikum beobachtete. Hier entstand ein Raum durch die Aktivitäten des Musizierens und des Zuhörens, Tanzens oder Weiterbummelns. Als sich diese Situation aufgelöst hatte, versuchte ich die raumbeschreibenden Linien mit einem Grafitstift zu erfassen.Interessant ist wie rasch sich dabei Eindrücke eines aus einer Fotografie extrahierten Liniengerüsts einstellen.

Meine Versuche die Sprache zur Klärung heranzuziehen, waren interessant, aber für meine Fragestellung nicht weiterführend. Dennoch stieß ich auf erhellende Unterschiede;  „Volk ohne Platz“ entlarvt das Pathos von „Volk ohne Raum“. Allerdings können Plätze vor allem der politischen Erinnerung mit gewaltigen Gefühlen aufgeladen sein.

In meinem künstlerischen Alltag kann ich mit einem Begriff von Raum, der diffus und offen ist, leben. Das ist wohl auch durch sich im Laufe der Zeit wandelnde Untersuchungen und Vorstellungen von Dimensionen, Zeit, Universen, Geschwindigkeit beeinflusst. Dagegen ist ein Platz begrenzt, flach,  masstäblich und perspektisch darstellbar. An dieser Stelle stieß ich allerdings auf Erwin Panofskis frühe Überlegungen aus den 20 Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zur „Perspektive als symbolische Form“. Und da hört die Einfachheit schon wieder auf.(2) So bildet sich dann mein diesbezügliches Grübeln ab.

Es bleibt dabei, daß ich durch und durch Ikonologe und Strukturalist bin! Sozusagen immer noch auf der Linie der klassischen Moderne seit der Auflösung des Lichtkontinuums durch Turner und die Impressionisten, über den Kubismus bis zum Bauhaus und Folgen. Wie in einem offenen Buch finde ich diese Entwicklung bei Piet Mondrian vom frühen Apfelbaum bis zu einem Victory Boogiewoogie zusammengefasst. Völlig entspannt  malte ich noch am selben Tag dieses kleine Aquarell zum Thema Raum. Und zwar ohne theoretischen Rückhalt!

(1)“Ausblicke“- Carola Dewor, Hannelore Fehse, Johanna Jakolwlev, Zehntscheuer Rottenburg a.N., 17.09. bis 12.11.2017. Einführung Dagmar Waizenegger

(2) Erwin Panofsky: Die Perspektive als „Symbolische Form“. In: Vorträge der Bibliothek Warburg 1924/25. Leipzig/ Berlin 1927

English Summary

As an artist Raum/space is somehow unlimited and unstructured for me.Practising drawing and painting you run into the question of perspective. Erwin Panosky liberated us in the twentier years of the last century from perspective as artistic dogma. And it were artists as Turner, the impressionists, cubists and the Bauhaus going this way even earlier. I consider myself as Iconologist and Structuralist and show my approach to the matter in a few scetches.

„Clash of the cultures“ or simply ignorance?? (Nr. 99)

Sechseckige Bodenfliesen als Würfelmuster verlegt. Beginn 20.Jh. Unten :Original , oben: Neuverlegung

English summary

It was a real ´clash of the cultures´ when I asked a turkish mason to repair a  cube pattern tile floor in our italian home. He didn´t copy the intact model of a neighbouring room, as I have told him, but ´invented´a complete new design. I was so upset that I couldn´t see the flowers, that he had created. Years later , after studying the art of islam, I ask myself whether only the worker was ignorant or me too. Shure he was ignorant, because he didn´t do what I had asked and payed  him for . But he was creative and  may be that as a moslem was convinced to do his very best in an islamic tradition. However, somehow I  feel sorry to have offended  him this way.

Ich werde die schreckliche Szene in Italien nie vergessen. Nach fast 100Jahren war der Zementgrund, auf dem die sechseckigen, in einem faszinierenden Würfelmuster verlegten Bodenfliesen lagen, mürbe geworden und schwammen wie Eisschollen. Ein türkischer Maurer, mit dem wir schon gute Erfahrungen  gemacht hatten, sollte die einzelnen Fliesen herausnehmen, reinigen und neu verlegen. Er und sein Gehilfe sollten sich dabei am Fusssboden des Nebenraumes, der noch stabil war, orientieren ( Bild 2). Als ich nach einiger Zeit hereinschaute, ´traf mich der Schlag´. Ich stieß wohl einen derart gellenden Schrei aus, daß meine Frau herbeistürzte. Ich sah nur Chaos. Als ich den Maurer samt Gehilfen noch einmal zum korrekten Beispiel hinüberzerrte und lautstark auf den Fehler aufmerksam machte, war er offensichtlich beleidigt. Sie hätten sich sehr viel Mühe gegeben um ein schönes Blumenmuster zu legen!!! Aber bitte, gegen einen Aufpreis von € 200.- könnten sie neu verlegen. Da wir fürchteten, daß dabei weitere der alten Fliesen, von denen wir einige erst nach langer Suche bei einem Trödler entdeckt hatten, brechen würden, haben wir zähneknirschend abgelehnt. Mich beschäftigte weiter, daß bei meinen Maurern von Schuldbewußtsein keine Spur zu entdecken war. Was war da eigentlich passiert? Beim Studium der islamischen Kunst aus anderem Anlaß kam mir eine Idee, die ich mich kaum zuzulassen wagte. Natürlich war mein Maurer Moslim ( auf italienisch so schön“ musulmano“) und in der islamischen Kunst spielen Ornamente bekanntermaßen eine zentrale Rolle. Sie sind mathematisch begründete Gleichnisse der göttlichen Harmonie und Wahrheit. Die italienische Erfindung der mathematischen Perspektive, die in engem Zusammenhang mit der arabisch-islamischen Entdeckung der Optik stand, zielte auf anderes., konkreteres. Der Mensch schuf sich mit diesen Hilfsmitteln sein Bild der Welt einschließlich Gott und der gesamten Schöpfung. Für den Islam schlicht Gotteslästerung. Sollte der Maurer, der aus einem kleinen anatolischen Dorf stammte, meines Wissens keine Schule besucht und das Mauern weitgehend autodidaktisch gelernt hatte, in diesem Sinne islamisch geprägt sein? Wie auch immer, jetzt überprüfte ich mit großem zeitlichen Abstand die Sache mit dem Blumenmuster und entdeckte (Bild 3) daß die schwarzen Rauten als ´Körbe´ von Blüten gelegt waren. Die beiden hatten sich große Mühe gegeben. Das bemerkte ich beim Analysieren des Vorgangs. Streng genommen konnte das Muster nicht ´aufgehen´. Auf meinem fotografischen Ausschnitt kann ich zumindestens eine Fliese nicht zuordnen. Gut, der Sachverhalt, daß die beiden meine Anweisung, sich an die Vorlage zu halten, mißachtet hatten, bleibt unbestreitbar stehen. Und natürlich kannte die islamische Ornament- Geometrie auch Würfelkonstruktionen. Allerdings fand ich nur Beispiele, bei denen die Würfel entweder Ausgangspunkt oder Zwischenstadium komplexerer Figuren waren. Demgegenüber wirken Ornamente a la Vasarely oder Escher doch ziemlich vordergründig und plump. Jedenfalls sehe ich jetzt eher, daß die beiden Maurer ebenfalls ein unangenehmes Erlebnis hatten, das ihnen das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen auf ihre Weise vor Augen führte. Und daß ich bei allem Respekt, den sie mir entgegenbrachten, aus ihrer Sicht der eigentlich Ignorant war, muß ich wohl auch nachträglich noch schlucken.

Der Titel „clash of the cultures“ ist ursprünglich politisch gemeint und wird von mir hier als anschauliches Bild zitiert: Vergl.  Huntington,Samuel: clash of the cultures, 1996. Sehr spannend zu lesen Belting, Hans: Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks. München, 2008.

 

 

Panta rhei- alles fließt (Nr. 98)

Verlöschen und verändertes Wieder-Entstehen einer Pinselzeichnung . Foto-Stills eines Zeichenvorgangs auf dem sogen. ‚ Buddha Board‘ . ©avc 2017

1.)“Alles fliesst“ meinte der zu den Vorsokratikern (um 500 v.Chr.)  gerechnte Philosoph Heraklit und meinte damit  nicht nur Wasser.. Ein zweites Zitat finde ich noch plastischer:: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

2.) Mein Sohn hatte mir ein “ Buddha Board“ geschenkt. Das ist ein teuer und fernöstlich daherkommendes Schreib- und Zeichenbrett. Es ist eine Variante des immer wieder faszinierenden Phänomens der verschwindenden , geheimen Schriften, die wie von Geisterhand geschrieben wieder sichtbar werden  oder jene kleinen Zaubertafeln, die man beschreibt oder bezeichnet, und die beim Herausziehen aus ihrem Rahmen gelöscht werden. Das Buddha Board besteht aus einer Art stark saugendem Papier, das auf einer schwarzen Fläche aufgezogen ist. Man trägt mit dem Pinsel klares Wasser auf. Der schwarze Grund schlägt an den nassen Stellen durch. Je mehr Wasser, je dunkler.  Mit dem Verdunsten des  Wasser,s verschwindet die Zeichnung.

3.) Ich habe mich dem Brett wie einem schönen, neuen Spiel genähert und probiert. Es ist schon faszinierend wie die Zeichen, kaum geschrieben oder gezeichnet, heller werden und irgendwann ganz verschwinden. Durch die Tiefe, das unbekannte Woher und Wohin hat das schon etwas sehr geheimnisvolles. Es  erinnert an die nassen Fussspuren auf heissen Steinen,. Aber auch an weniger spaßige Geschichten wie die Sisyphos-Mühen, weil man gelungene Ergebnisse nicht festhalten kann oder das  an der Wand erscheinende „Menetekel“ am Hof Belsazars.

4.) Interessant ist die Anleitung zum Gebrauch der Tafel, die die Zen- Philosophie bemüht und das Entstehen und Vergehen als Meditationshilfe empfiehlt. Ich ging weniger meditativ als experimentierend an die Sache heran. Es war sehr spannend für einen Moment eine grafische Qualität zu entdecken, die dann wieder entglitt und gleichzeitig  dazu reizte, das verblassende Bild weiter zu malen. Das war wie auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Und mit Heraklit : auch eine Fotografie kann den  Verfall  des Bildes nicht aufhalten.

5.) Aber wir können etwas viel wichtigeres  lernen, nämlich jeden Zustand einer Arbeit als möglichen letzten zu betrachten. Die heute so gern beschworene „Achtsamkeit “ hat bei der Kunstproktion den Vorteil sich an sinnlich wahrnehmbaren Beständen festhalten zu können. Was ich mir noch zusätzlich davon verspreche, ist schon eine Art von „‚Zen- Effekt‘- man bleibt mehr bei der Sache, d.h. der Kunst.

Trying a ‚ Buddah Board‘  I thought of Heraklit ( about 500 B.C.)  and his “ Panta rhei“ , everything is floating , or  “ you can’t step twice in the same river.“ You can do a brushstroke with clear water on that board  only  once;  because  with the  drying water it fades away unstoppably. What I learned from this experience is to be more aware of  what  is  happening  with a sheet of paper , canvas, metal, wood through  when  I work and -respect  every step. It does not mean control  or evaluating, but living in it, feeling it. I guess that we all have experienced  what a single brushstroke , one single hit with the hammer can waste . Too often are we ruled by  models, fashions, main stream looks.  Sounds  morally and it  is -in the name of art. 

„Malerisch, picturesque“ ( Nr. 97)

„Strand“, Tuschestift, September 2017, ©avc

1.) Meine Gedanken zu diesem Beitrag wurden durch eine morgendliche Beobachtung am Strand ausgelöst. Das silbrige Licht auf dem Meer und der leicht dunstige Himmel lösten die Lust zu einer Skizze aus. Warum? Das war kein spektakuläres Motiv , aber es hatte etwas, das sich beim entspannten Sehen immer mehr mit Erinnerungen an silberlichtige Landschaftsbilder von Claude Lorrain , Romantiker, plein air bis zu den Impressionisten füllte. Unter diesem Eindruck versuchte ich mit leicht gestrichenen waagrechten Linien einen silbrigen, atmosphärischen Grund zu legen. Der Rest waren dann vertikale  grafische Akzente. Diese Beobachtung ließ mir keine Ruhe. Plötzlich sah ich in einer Gruppe älterer Frauen, die in lebhaftem Gespräch bis zu den Waden im Wasser standen eine Gruppe von Rodin a la „Die Bürger von Calais“.

„Zeus“, Tuschestift, September 2007 ©avc

2.) Später entdeckte ich unter den alten Fischerbooten eines, das mir „gefiel“. Warum? Da war die zweiflügelige Lamellen-Kajütentür , Seile Netze, Geräte. Das sah nach Abenteuer aus und dann entdeckte ich auch noch am Heck in Großbuchstaben den Namen “ ZEUS“ – wenn das kein Motiv war.

„Maria trocknet das Kind ab.“ Tuschestift, September 2017, © avc

3.) Jetzt war sozusagen mein “ Jagdinstinkt“ , um ein etwas schiefes Bild zu verwenden, geweckt. Gestern Abend, als der Strandbetrieb so langsam zu Ende ging, sah ich neben mir die schöne „Maria „im Bikini ihren Knaben, den sie vor sich auf einen Stein gestellt hatte, abtrocknen. Auch hier war es so, dass nach einer ersten Anmutung “ Madonna badet Jesuskind “ , dieses Motiv sich immer stärker von der Folie der Figuren im Hintergrund  ablöste und dominant wurde.

Beim Versuch dieses Phänomen irgendwie in der Ästhetik aufzuspüren, erinnerte ich mich an Goethes „Weimarer Preisausschreiben “ , in dem alljährlich die deutschen Künstler aufgefordert waren , sich mit einer vorgegebenen Stelle aus der antiken Literatur auseinanderzusetzen. Dabei waren die Bewertungskriterien eng an die klassizistische Kunst angelehnt. Das ist zwar keine Erklärung für meine Beobachtungen, aber vielleicht eine Spur, der man folgen könnte. Welche Rolle spielt z.B. die Literatur bei der  Motiv-Bildung?

Vergl. von Criegern, Axel, “ Ferdinand Hartmann ,Hans Heinrich Meyer, der Geheimrat Goethe und wir-Anmerkungen zu den Weimarer Preisaufgaben.“ In: Schiementz, Walter und Beilharz, R. (Hg.) Ins Bild gesetzt. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1995.

When I chose the title „malerisch, picturesque“ it was a little ironically , because I couldn ‚t  find words for „what’s behind an artistic motive“?  Doing some experiments I found out that the very first thing before drawing a line is a vision of a motive. Things that have already been performed earlier. Not particular works of art, architecture, theater, performing arts or even literature, but a blend of allusions. And when I start working, these memories become more and more materialized,  they become the subject of what is there growing as “ art“.

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„Hafners Tisch“ (Nr. 96)

„Hafners Tisch“, 1985, Mahagoni,H. 200cm ©AvC , links eine Holzskulptur von Ugge Bärtle (Foto Ralf Ehmann)

 

Eigentlich hat die Geschichte gar nichts mit Kunst zu tun. 1984 besuchte ich einmal wieder unseren älteren Kollegen „Ugge“ Bärtle ( 1917- 1990) in seinem Atelier. Wir sprachen über seine Holzskulpturen und sein Lieblingswerkzeug, das flache Zimmermanns-Beil. Wahrscheinlich habe ich gesagt, dass ich auch gern mal ein größeres Stück Holz bearbeiten würde. Jedenfalls wies er auf eine ziemlich lange „Schwarte“ Mahagoni und meinte lässig, die könnte ich haben. Um ehrlich zu sein: ich traute meinen Ohren kaum und fragte auch nicht weiter nach. Stattdessen begann ich noch an Ort und Stelle das gute Stück mit dem Zimmermanns-Beil zu bearbeiten. Später holte ich die angefangene Skulptur zu uns und arbeitete hinter dem Haus weiter. Was tun mit dem 2 Meter- Trümmer?  Ich stellte ihn unter eine vorspringende Ecke neben der Atelier auf. 32 Jahre Witterung hält er nun schon aus. Es war Zufall, dass wir just in dem Moment den Gründungsvorsitzenden unseres Künstlerbundes, Kurt Hafner, seines Zeichens Direktor der AOK Tübingen, zum Aperitif eingeladen haben.  Ugge gehörte übrigens  ebenfalls zu den Gründungsvätern. Als Kurt die Skulptur vor dem Haus sah, stutzte er , äusserte sich anerkennend und fragte, woher ich das auffallend schöne Stück Mahagoni hätte. Wahrheitsgemäß erzählte ich ihm die Geschichte. Da veränderte sich seine Stimmung zusehends, einer seiner cholerischen Ausbrüche war zu befürchten. Er beherrschte sich mühsam, dann brach es doch aus ihm heraus: „Des isch mei Tisch!!“ Und er erzählte seine Geschichte: Er hatte von jemandem das Holz günstig  (umsonst?) bekommen und Ugge mit dem Wunsch gebracht, ihm einen Tisch daraus zu machen. Ich kann mir gut vorstellen, wie es Ugge bei diesem ‚ehrenvollen ‚Auftrag zu Mute war. Ab einem bestimmten Punkt ist schon der Gedanke an so eine Sache lästig. Da kam nun dieser junge Kollege, und mit ihm die einmalige Chance, sich dieser Pflicht zu entledigen. Ich denke dass das nicht überinterpretiert ist. Und es spricht Bände über einen  Künstlertyp, der ausgestorben ist. Ugge war noch nach Bildhauerlehre und Meisterschüler-Zeit von Tübingen bis nach Süditalien  zu Fuß gewandert. Künstler-Freundschaft und Solidarität waren ihm wichtig. Den Auftrag ablehnen konnte er nicht, aber sozial und künstlerisch umzuleiten, war verträglich. Ich wusste ja gar nicht, welche Rolle ich bei der Lösung dieses Loyalitätskonfliktes gespielt hatte. Danke Ugge.

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