Meine Bilder müssen mich unterhalten

 

„Wollust“,Aquarell, Mai 2017
„Gänsebischof“, 3D- Papiercollage, 2008
„Genre“, Acryl a.Lw. Mai 2017
„Clown“, Acryl a.W. Mai 2017

Das Tafelbild von historischer Geltung ist ein bleibender Sehnsuchtsort der Künstler. Historisch und modellhaft könnte man das so verstehen, dass der erste große Schub von Zeichen und naturalistischen Darstellunngen der Steinzeit am Beginn einer Entwicklung stand, die zum Höhepunkt der italienischen Renaissance führte. Nach diesem Modell hätte danach eine Agonie des Bildes im Sinne der Auflösung einzelner Bild-Konstituenten und des Formzusammenhangs begonnen. Einen Neubeginn brachte das 19. Jahrhundert mit einem Bildkonzept, das sich von der Ikonografie ab- und der Bildkonstruktion zuwandte. Das bedeutete nicht völligen Themenverzicht und Strenge, sondern Gewicht beim Aufbau. So wohnte der Öffnung der Fläche zu Bildreliefs um 1900 eine gewisse Logik inne. Sehe ich mich als kunstgeschichtes Subjekt, als Kind der Kunst- Geschichte, dann ist es verführerisch eine solche „phylogenetische“ Betrachtungsweise „ontogenetisch“ auf sich selbst zu beziehen. Für mich  war die Auflösung der  Bildfläche nach langer Auseinandersetzung mit den Bildern Jan Steens ein notwendiger Schritt. Anders als den Künstlern von 1900 ging es mir dabei um Aktualisierung und Aufklärung, um Animation und Spiel. Ich zerlegte die Bilder Steens und setzte die Figuren für diese Zwecke ein. Was nun besagte Sehnsucht nach dem ‚klassischen‘ Bild angeht, scheine ich dem hehren Anspruch davonzulaufen. Von meinen Bildern verlange ich, dass sie mich unterhalten. Das verbindet mich mit Jan Steen. Dazu gehören Brechungen des Ernstes, Auseinandersetzung, Vielfalt der Beziehungen. Und das bei einem  bekennenden Verehrer Mondrians. Da versteh noch einer den Menschen!

Künstler und Kunstgeschichte

 

Jede Künstlerin und jeder Künstler hat einen besonderen Zugang zum Fundament „Kunstgeschichte“. Historisch betrachtet war es selbstverständlich, tradierte Kunst weiterzugeben und weiter zu entwickeln. Mein Zugang war geisteswissenschaftllich. Das Studium an der Kunstakademie hatte meine heiße Frage nach dem Was, Wie, Warum der Kunst nicht beantwortet. Die Entscheidung an die 4 Jahre Kunstakademie ein fast ebenso langes Universitäts- Studium anzuhängen, sollte mich näher an die Kunst heranbringen. Schnell flossen in Recherchen und Aufzeichnungen Skizzen und eigene Entwürfe ein. Im Zentrum standen 3-jährige Forschungen zur Ikonografie der Fröhlichen Gesellschaften des niederländischen Malers Jan Steen (1626-1679). Nach dem Abschluss der Dissertation (vergl.  „Abfahrt von einem Wirtshaus. Ikonographische Studie zu einem Thema von Jan Steen „. In Oud Holland. Nr 1 Jaargang LXXXXVI S.9-32; Abdruck eines Kapitels ) habe ich versucht die Kunstpädagogik mit der Ikonografie/Ikonologie und natürlich mit Steen in Form von Büchern und Aufsätzen zu beglücken . 1996 begann ich mich entschieden als Künstler mit dem Werk Jan Steens auseinanderzusetzen . Dabei nahm ich die Struktur der Dissertation wieder auf  und entwickelte zu den einzelnen Bildern Projekte. Das erste war eine sehr repräsentative „Fröhliche Gesellschaft“ mit dem Titel  „So voer gesongen, soo na gepepen“, was unserem „Wie die Alten sungen,….“ entspricht, im Mauritshuis Den Haag (vergl.ausführlich  ‚ axel-von-criegern.de‘). Hunderte von Zeichnungen, Aquarellen, Serien, Acryl-Bilder und Plastiken entstanden. Für eine große Einzelausstellung 1999 in der Kunsthalle Tübingen wählte Götz Adriani die Arbeiten aus und empfahl didaktische Impulse zu minimieren (Katalog: Axel von Criegern, „Wie die Alten sungen…“ Auseinandersetzungen mit einem Bild von Jan Steen (1626-1679), Tübingen 1999). Die Zeitschrift Kunst und Unterricht veröffentlichte den mir so wichtigen aufklärerischen Impuls als Aufsatz: „Konzepte künstlerischer Auseinandersetzung. Erprobt an einem Bild aus dem 17. Jahrhundert. “  In: Kunst+Unterricht 233/1999, S. 40-43.

 

Heiterkeit als rettende Insel

© von Criegern

© von Criegern

Ich bekenne: Kunst bedeutet für mich wie vor 200 Jahren das Streben nach Ausgewogenheit und Schönheit, ja nach Vollkommenheit. Soweit die klassische Komponente. Was dazu gar nicht passt ist meine Angst vor der tödlichen Langeweile, die mich mit dem Erreichen dieser Vollkommenheit ergreifen könnte. Die Folge sind Fluchten, Zweifel, Zerstörungen. Sie gehen quer durch das sogen. Unbewusste und bestimmen auch bewusste Entscheidungen. Eigentlich ist es nur die Sehnsucht   selbst, die ganz friedlich und still ist. So platt es mir vorkommt, ist das wohl das romantische Aufbegehren gegen das Klassische.*Die alltägliche künstlerische Arbeit ist ein Spiel zwischen „Himmel“ und „Hölle“, ein Drahtseilakt. Keine geringere als Marina Abramovic‘ sagte einmal :“You are a lucky man!“ Wenn ich sie richtig verstanden habe, meinte sie die Fähigkeit immer wieder kleine Inseln des Glücks zu entdecken oder zu schaffen. Wie weit die Performance-Künstlerin allen Ernstes hinter dieser Äußerung steht, oder wie weit das small talk war, ist eine andere Frage. Jedenfalls brauche ich solche heiteren Rettungsinseln. Eine solche Insel sind die Plüschtiere der Enkel, die mich aus einem Körbchen anschauen. Eine andere sind die beiden geschäftigen Herren aus Keramikmasse, die kleine Fluchten aus einem sehr ernst gemeinten Auftrag sind.

* Vergl. AvC: „Ferdinand Hartmann, Hans Heinrich Meyer, der Geheimrat Goethe und wir. Anmerkungen zu den Weimarer Preisaufgaben..“ In Schiementz/Beilharz (Hrsg.): Ins Bild gesetzt. Festschrift für Max Kläger. Weinheim 1995.

 

Warum können Computer-Bilder so unerhört frech sein?

©axel von criegern

Beim Durchblättern meiner Fotos auf dem iPad fielen mir wieder die mit Stift und Fingern gezeichneten Bilder auf. Ich behaupte dass ihre Frechheit weniger als beim traditionellen Malen durch traditionelle Gestaltungsgrenzen und Regeln ausgebremst wird. Es ist als ob ein anderer Gestaltungsmodus aktiviert wird, nicht nur technisch, sondern auch imaginär. Ein künstlerisches „Schengen-Abkommen „tritt in Kraft. Und um dieses Bild weiter zu benutzen, nicht nur die Grenzen in der EU werden durchlässig, sondern weltweit. Aber alle Mitglieder der global art community bleiben ganz natürlich ihren regionalen,  ethnischen, nationalen Traditionen verbunden. Das macht die Sache noch komplexer. Denn drüber gibt es  den globalen Kunstmarkt, der zusammen mit den Medien nach wie vor westliche, europäische Masstäbe durchsetzt. Ich stelle mir vor, dass solche Computerbilder subversiv sind, weil sie mit leichter Hand und in wenigen Minuten das Gefühl der grenzenlosen Freiheit vermitteln.

Ein Gedicht rezitieren und simultan zeichnen

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Dieses Video ist der Versuch simultan zum eigenen Vorlesen eines Gedichts (Ludwig Uhland:“Die Kapelle „) zu zeichnen. Ich habe wiederum mit „My brushes“ auf dem iPad gezeichnet und mit dem iPhone aufgenommen. Die Dauer ist 2:10 Minuten. Ich brauchte einige Zeit um Abstand zu diesem grenzwertigen Experiment und seiner Veröffentlichung zu bekommen. Auf meine Frage antwortete mein Sohn lapidar: „Du bist der Künstler, du entscheidest.“

Ikonografische Kapriolen

Beim Bummeln über einen „Kunst-und Antiquitätenmarkt“ wurde ich auf eine Litfaßsäule aufmerksam, an der eine Öldruck-Madonna im Goldrahmen vor einem Plakat mit einer Frau auf rotem Grund hing. Was mich amüsierte war der sicher nicht beabsichtigte Gegensatz zwischen der zärtlichen Geste der Verehrung der Madonna ,dem frechen Aufreißen des Jacketts und dem herausfordernden Blick der Frau auf dem Plakat. Das Signet im Superman -Stil auf dem T-Shirt unterstrich den offensiven Auftritt. Eigentlich war es ein mehrfacher Gegensatz. Das Aufreißen der Jacke erinnert an das seit der Antike vertraute Motiv klagender Frauen, das in der christlichen Kunst in Darstellungen des bethlehemitischen Kindermordes nachklingt. Im Entblößen der Brüste steckt aber auch ein Moment verzweifelten Anbietens. Das wiederum steht im deutlichen Kontrast zum Plakat, das so gar nichts klagendes oder verzweifeltes hat.

Der Schlüssel musste das Zeichen a la superman sein. Ich suchte im Internet auf Verdacht nach „superman G“ und war verblüfft, dass dieses existiert und für „disruptivegeo.com“ steht. Der Knüller ist, dass sogar Supermann mit aufgerissenem Hemd im Stile des Plakats von dieser “ Geo spatial“ forschenden Organisation verwendet wird. Als ich übrigens diese kuriose Montage entdeckte hatte , war ich so begeistert, dass ich gar nicht geschaut habe, wofür auf dem Plakat im April 2017 geworben wurde. Auf jeden Fall ist der werbliche Zweck für jede Erklärung gut, insbesondere für den dreisten Blick.  Das Aufreißen des Gewandes um die Frau ‚ bloß zu stellen‘ gehört auch zum Arsenal der Gewaltanwendung gegen Frauen. Als Übergriffe kommt das offensichtlich heute sogar in der Unterhaltungsindustrie vor. Dazu zwei Meldungen, auf die ich wenige Minuten nach meiner Recherche stieß. In einer Talkshow habe der Gastgeber einer als ‚Busenwunder‘ eingeladenen Frau einfach die Bluse aufgeknöpft und im anderen Fall habe Madonna im Rahmen eines ihrer Auftritte einer 17- jährigen die Bluse aufgerissen. Da hilft auch die klassische Ikonografie mit ihren antiken Wurzeln nicht weiter.

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Michelangelo oder die Skulptur im Material

Heute hatte ich Besuch von Ludwig Duncker, einem Freund , Kunstliebhaber und renommierten Erziehungswissenschaftler. Als ich ihm meine Holzarbeiten und meine Arbeitsmethode vorstellte, erinnerte er sich an Michelangelos kesse Behauptung, dass seine Figuren bereits im Stein verborgen seien und es lediglich darum ginge sie Schicht für Schicht freizulegen. Das stiess mich auf einen gravierenden Unterschied. Ich schneide ins Holz und sofort reagiert das Gehirn mit Form-Vorstellungen. Gehirn und Holz modellieren zusammen eine „Figur“. Vorher existierte nicht einmal eine Vorstellung von ihr. Michelangelo konnte nicht so vorgehen. Er war (wie alle Künstler dieser Zeit ) im Kanon der damaligen Themen gefangen. Er konnte und durfte nicht eine Form jenseits davon (er)finden. Dass das im Alter immer schwerer zu ertragen war, zeigen die  „halbfertigen“ Skulpturen und jene, die durch zerstörerische Eingriffe in eine neue ästhetische Wirklichkeit gestellt wurden. Schon in der Jugend hat mich die „Pieta Rondanini“ durch ihre expressive Archaik tief beeindruckt. Um den Unterschied zu heute zu demonstrieren, zeigte ich meinem Besucher eine Stele, die nach Monaten quälender Arbeit aus einem mir unbekannten, exotischen, sehr harten Holzscheit entstanden war. Quälend auch in dem Sinne , dass ich dauernd Spreißel unter die Haut geschossen bekam. Die Qual hatte erst ein Ende als Hirn, Holz und Hand nicht mehr weiter wussten und keineswegs erst als ich eine vorgestellte oder gewünschte Gestalt aus dem Material befreit hatte.

Michelangelo „freed“ his figures from the stone. Today I start without any idea and work until a satisfying condition is reached.