„Wie war das, Herr Aristoteles?“ Eine Woche #kontrolliertes Zeichnen.(art77blog.axel-von-criegern.de Nr 249)

“o santa famiglia“ Zeichentusche ©️2020

Vergangene Woche habe ich von einem Impuls berichtet, den ich der Lektüre von #Aristoteles‘ „Poetik“ verdanke (art77blog Nr 248). Ich fühlte mich in meiner Vorstellung eines „#kontrollierten“ Zeichnens bestätigt. Im Laufe der Woche habe ich einige Zeichnungen unter Beobachtung angefertigt und Gedanken notiert. Der Schwerpunkt lag auf der Verbindung von #Handeln und Ziel.

1. „O Santa Famiglia“ entstand bei Nachmittags-Tee und angeregten Gesprächen mit den Enkeln. Irgendwie erinnerte mich die Anordnung der Personen auf beiden Seiten des Tisches mit der langhaarigen Enkelin in der Mitte an das „#Abendmahl“. Eigentlich hatte ich mich auf das Zeichnen im Garten eingestellt; jetzt nahm ich Tusche und einen Holzspan und verlor mich in dem unerwarteten #Motiv.


2. #„Persona/ Maske“. Beim abendlichen Zeichnen ging ich einen anderen Weg- ohne Modell.

Er mündete durch #handwerkliche Verdichtung und Festigen „des #Grafischen an sich“ auch wieder bei einem Motiv. Mein langes Studium der #Ikonologie führt mit einer gewissen Logik immer zu Motiven. Das grafische „Gekröse“ in der Mitte schloss links mit einem Hinterkopf ab. Ihm entsprach rechts eine etwas größere „Maske“. Es gibt eine Ableitung des Wortes Person vom etruskischen Wort für Maske. Ich finde es befriedigend wenn die zeichnerische, grafische Suche in einem Motiv ein Ziel findet.

„2. bis 5. August 2020“, Federzeichnung ©️2020

3. Ähnliches geschah bei der Federzeichnung-allerdings vor einem Motiv. Hier ein Protokoll: „Zu Beginn ein strichelndes „Anfreunden“ mit dem Papier. Formal: Vertikale der Architektur contra Äste und Laub; Vertikale der Stämme. Beim grafischen Verdichten zu unbestimmten Motiven, die zu anderen weiterführen. Arbeit an den Randbereichen : #Balance, Auflockerung, #Dekor, zum Papierweiss zurückführen.“

“Wie war das Herr Aristoteles?“ Bleistift ©️2020

Die Arbeit an Blatt Nr 4 wurde von lockeren Randnotizen begleitet: „Wie war das Herr Aristoteles? Die Hand denken lassen. Let your hand think. Auge sieht nicht so schnell wie Hand. Hand bleib fest!! Hirn bleib dabei (dran) . Hirn und Hand auf einer Liebesschaukel. Wenn das Hirn in die Hand wandert. Wenn die Hand erkundet und das Auge mit einem Sprung (Satz) folgt. Das Zusammenspiel von Flimmern und Klarheit: die #Vernunft siegt. Wie war das Herr Aristoteles?“

„4 o’clock people“ Buntstifte, Tusche. ©️2020

5. Das letzte Bild der Reihe entstand vorgestern Nachmittag nach einem Besuch der Ausstellung #„Daniel Knorr“ in der Tübinger Kunsthalle. Ich war ziemlich erledigt und verstört von einem Überangebot hochglänzender Buntfarben, Installationen und Dokumentationen von Projekten. Verstimmt hat mich die ‚Garnierung durchaus unterhaltsamer, ja harmloser Kunsteinfälle in z.T. beeindruckenden Dimensionen mit gewaltigen #gesellschaftlichen Themen. Das soll die #interventionistische Bedeutung begründen und rechtfertigen. Bei meinem Blatt versuche ich Distanz und ‚coolness‘ von Passanten mit einem intervenierenden Raster zu verbinden.

English Summary
From Aristotle’s „Poetics“ I learned to control drawing very deliberately. That doesn‘t mean to perform the act of drawing following rigid rules, but to observe the way of drawing. For my own drawings the motif is central. In the last days I made a test watching carefully the process of drawing five very different works.

Aristoteles, Poetik, Übersetzung Klaus Fuhrmann, Reclam Fritz, Nicole (Hg.): Daniel Knorr; Köln 2020

„Das Treffen in Telgte“ (art77blog.axel-von-criegern.de.Nr.248)

Die ‚drei Affen‘ -„upgradet“. Tusche auf Zeichenpapier ©️2020

Nach dem wunderschönen Foto im letzten Beitrag (art77blog Nr.247) habe ich mich in der „mimesis“-Diskussion verrannt. Alle Lockerkeit war dahin.Das grenzte an„Selbst/Dogmatisierung“. Zwei Bücher haben mir aus der Patsche geholfen. Das eine war das Reclam-Heftchen mit #Aristoteles „Poetik“ in der Übersetzung von Manfred Fuhrmann. Hier bekam die „#Nachahmung“ (mimesis) konkrete Hinweise zur künstlerischen Anwendung. Sie gingen deutlich über die Poetik i.e.S. hinaus bis zur Malerei (wörtlich nennt A. die Zeitgenossen #Polygnot und #Zeuxis). Ein zentraler Begriff ist das typisierte Menschliche, der „ #Charakter“. Er muss idealerweise hinter allen Darstellungen erkennbar sein.
Das waren hilfreiche Hinweise, aber der Kahn vergnügter Phantasie und Kreativität kam erst bei der Lektüre des zweiten Buches zurück ins Fahrwasser. Bereits 1979 wurde eine köstliche Geschichte von #Günter Grass als Reclam Heft veröffentlicht: „# Das Treffen in Telgte“. Auf Empfehlung des Freundes und Buchhändlers Wolfgang Zwierzynski (Literarische Buchhandlung „Don Quichotte“) kaufte ich eine 2018 im Steidl Verlag erschienene illustrierte Ausgabe mit einem Vorwort von #Ingo Schulze. Das Buch berichtet von einem nie stattgefundenen Dichter- und Verlegertreffen von 1647 unter den abenteuerlichen Umständen der Münsteraner Verhandlungen zur Beendigung des 30-jährigen Krieges . Zu der Deftigkeit des „#Simplizius Simplizissimus“ von #Grimmelshausen ( als ‚Gelnhausen‘ auch beim Treffen dabei) gesellt sich ein Schalk, der mich ‚umgehauen’ hat und eine Sprachlust, die irgendwie ansteckend ist. Das ganze wird getragen von so stark ausgeprägten „Charakteren“, dass selbst der große Aristoteles von der literarischen Qualität überzeugt gewesen wäre.

Und jetzt erlebte ich ein kleines Wunder. Noch von der Lektüre angeregt, schaue ich zum Fenster raus und sehe auf der Treppe vor der Kirche drei junge Männer sitzen. Sie starren auf ihre Mattscheiben, sie sehen, hören und riechen nichts- eben wie die berühmten 3 Affen. Nur eben zeitgemäß. Völlig unprätentiös setzte sich die Zeichenfeder in Bewegung…

„Corona Comedy“, Tusche auf Zeichenpapier, ©️2020

Beim abendlichen Fernsehen war dann eine arme „#Comedian“, die unter #Corona-Bedingungen, ohne Publikum das Feuerwerk ihrer eingeübten Einfälle abbrennen musste, das Opfer. Der von irgendwo kommende, ‚abstrakte‘ Beifall erhöhte noch das Gespenstische dieser ‚als ob‘- Veranstaltung. Ich wüsste nicht wie ich diese Sterilität gezielt hätte darstellen können. Entspanntes zeichnerisches ‚Nachahmen‘ ist möglicherweise eher in der Lage das tragisch-komische Moment fast beiläufig zu transportieren. Ob dafür die ‚Charaktere‘ verantwortlich sind, die Aristoteles als notwendige künstlerische Basis für jede Art von Kunstprodukt sieht? Selbst wenn das nur ‚mein‘ Aristoteles wäre, lohnte es dieses innere Potential einer Zeichnung zu bedenken.

English Summary

After the serious discussion about „mimesis“ last week I had over night‘ lost my joy in carefree drawing. With Aristoteles‘ „poetics“ I found some useful hints, but not the door back to my drawing. I found the key after reading a book by Günter Grass, published 1979. It was only now that I had the chance to read the incredible crazy fiction of a poets meeting at the end of the 30years war . The ability to exaggerate and flim knocked me off. It was then that my original joy of drawing returned. Through my window I watched three young men scrolling with their cell phones . It looked very similar to the famous three monkeys. In the night program of TV a comedian performed without any aufience with artificial applause. This was reality comedy! My pen loved it!