Abstrahieren, abstrakt, Stil (art77blog Nr. 148)

AvC, Tübingen 2018, Bleistift, Aquarell, Marker, 40x30cm.©️Axel von Criegern 2018

Die Geschichte des Begriffs ‚ abstrakte Malerei‘ ist faszinierend aber auch verwirrend (vergl. Fassmann, Kurt: „Abstrakte Malerei“ in Kindlers Malerei  Lexikon, Zürich 1985, Bd. Begriffe). 

Für mich waren und sind Piet Mondrians Bilderserien zum ‚Apfelbaum‘ oder ‚Meer‘ modellhaft für die Wandlung der naturnahen Auseinandersetzung  zu einer abbildfreien Bildsprache. Das ist ein grosser Unterschied zu Picasso, der sich nie vom Gegenstand getrennt hat. Paul Cezanne wird zu Recht als Stammvater dieses neuen Bildbewusstseins gesehen. Bekannte Positionen waren dann neben Mondrian, W. Kandinsky, Malewich , die Bauhaus-Lehre, Futuristen und Konstruktivisten. 

Zwischen dem ‚Abstrahieren‘ und dem Vermeiden von Gegenstands-Bezügen sehe ich den individuellen, ureigenen ,Stil‘. Man beginne nur auf einem Stück Papier, ohne Gegenstand aber mit ,Bild-Absicht‘ zu zeichnen. Es wird einem schnell klar, ob man festen Boden unter den Füßen hat, sprich sich im Territorium des eigenen Stils befindet. ‚Stil‘ ist wie ein Haus, das von den Grundmauern bis zum Dach entworfen und gebaut wird. Und ‚Stil‘ ist eine ‚Handschrift‘, die nicht vom Material oder Dimensionen abhängig ist. Er wächst heran wie die Persönlichkeit, ansonsten spricht man zu Recht vom ‚Stilisieren‘.

English Summary

To abstract something in art means to reduce an image to its essential issues. If we talk about ‚abstract art‘ it means an art without any representational intention, no reference to any real object. This concept of art has its origins in the nineteenth century, starting with Paul Cezanne and the impressionists. In the beginning of the twentieth century cubisme, futurisme, Piet Mondrian, Kandinsky, Malewich and the Bauhaus stand for important positions of this new art. ‚Style‘ is for me a very personal issue that basically has nothing to do with abstract art. A personal language in terms of art.

 

Rhythmus-Abstand-Raum (Nr.121)

Axel von Criegern, Basic Exercise, Bleisift, Acryl auf Papier, 20 x 16 cm, 2018

Allen meinen künstlerischen Projekten und Experimenten liegt ein langweiliges Muster zugrunde, gegen das ich arbeite und das ich doch brauche. Am besten lässt es sich als Gitter darstellen, in dessen annähernd quadratische Felder ich geometrische ZEICHEN einfülle. Dieses Gitter zu „animieren“ – das ist meine Kunst. In dem Umspielen  dieses Grund- Musters  fühle ich mich  Paul Klee  und letztlich dem Bauhaus  verbunden. Tatsächlich sind die ersten Schritte immer spielerisch, um dann bei jeder weiteren Entscheidung ernster und spannender zu werden. Auf dem Video zu diesem post gehe ich den ersten von vielen möglichen Wegen, den des „Schreibens“; Zeile für Zeile. Bei allem, was ich gestalte, geht es immer um eine Auseinandersetzung mit dem Raster. Sogar bei Material-Experimenten , Knautschen von Blech, langsamen Herausarbeiten von Formen aus Hartholz u.a.m. ist das Gitter das Maß aller Dinge‘.

English Summary 

In long, long years I realized, that all my artistic work has the grid as base. Without beeing aware of this, the vision of a grid is the  support and hold of my practical work and also of critique. But this is not a simple guide. In the same moment when I feel guided I start to fight against it and struggle or freedom. So art happens  for me between two extremes. Of course I feel very much related to Paul Klee and his years at the „Bauhaus“. See also my corresponding video on YouTube.

YouTube :Axel von Criegern Mein Film 3

Künstlerisches Forschen/ Artistic Research (Nr.104)

„Ikonologie“, 2017, Feder, Tusche, Buntstift
„Jan Steens Bildraum“, o.J. Alublech, Lack

Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich der Begriff „künstlerische Forschung“ etabliert. Gefordert ist die Anerkennung der Gleichwertigkeit künstlerischen und wissenschaftichen Forschens. Künstler haben schon immer Forschungsleistungen erbracht. Leonardos grafisch reizvolle Naturstudien sollten besondere Phänomene wie Wolken oder Wasserströmungen darstellen und zum besseren Verständnis der Natur beitragen. Damit würde ich heute die Versuche vergleichen Gravitationswellen  bildhaft darzustellen, wie sie in den letzten Tagen durch die Medien gingen. Unbestritten ist die Leistung der Renaissance – Künstler bei der Entwicklung der Perspektive. Und am „Bauhaus“ wurde sehr wohl künstlerisch geforscht ohne den Begriff zu verwenden. Verkürzt lässt sich sagen, dass die Erforschung der künstlerischen Innovationen ein Schwerpunkt der Kunstgeschichte ist.. Häufig bewegt sich die Kunst in Gebieten, die auf den ersten Blick keinesfalls künstlerisch sind, wie die futuristische Kunst beim Darstellen der Geschwindigkeit. Und wie verhält es sich mit Saracenos Erforschung der Statik der Spinnennetze? Angesichts der raschen Entwicklung und Ausdifferenzierung der Wissenschaften kann durchaus gefragt werden warum die Künste zurückhängen sollen. Praktisch geht es um die Förderung der „ wissenschaftlichen“ Kunst und ihrer gesellschaftlichen/ akademischen Anerkennung.

Persönlich berührt mich dieses Thema sehr.„Was ist und wie geht Kunst?“ waren die Fragen, die mich schon in der Schulzeit umtrieben. Meine Lust an der Kunstgeschichte und an den Berührungspunkten von Kunst und Kunstgeschichte resultieren daraus.  Meine Forschungsarbeiten zu Jan Steen und zur  Ikonografie/ Ikonologie sah ich zwar auf einer Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst, aber es dauerte 30 Jahre bis sich bei mir das Bewusstsein ausbildete, dass die künstlerische und die kunstgeschichtliche Steen-Forschung an einem Strang ziehen können, ja müssen. Die geringe Wahrnehmung solcher künstlerischen Forschungs Projekte spricht dafür, dass noch einige Zeit bis zu einer breiteren gesellschaftlichen Anerkennung vergehen wird.

Für mich war die Suche im Internet zu den Stichworten „künstlerische Forschung“, bzw. „ artistic research“  sehr informativ. Einen Einstieg in meine künstlerische Forschung zu Jan Steen vermittelt der Katalog zu meinerAusstellung in der Kunsthalle Tübingen „Wie die Alten sungen. Auseinandersetzung mit einem Bild von Jan Steen (1626- 1679).“  Tübingen 1999.

English summary

There is no doubt that artists did and do research in arts. In the past the church, royalties , social, economic and political changes asked for artistic innovations: Just to mention stained glass windows,  the Medici academy, perspective, the october revolution in Russia or the Bauhaus at Weimar. Particularly the „Bauhaus“ practiced 1919 -1933 artistic research. With the year 2000 we notice an increasing interest in  artistic research, standards, studies, qualifications, academic degrees and careers. The author himself switched from a conventional research in art history in the sixties (Iconography of the merry companies of the dutch painter Jan Steen) to artistic research of the same painter Jan Steen (1626-1679) in the nineties of the last century.