Rahmen (Nr. 77)

Marc von Criegern, o.T. (Mädchen mt Rahmen) ,o.J. (Um 2000), 42x34cm, Öl a.Lw. Privatbesitz

1.) In den 1970er Jahren waren alte Rahmen „in“. So konnte es passieren, dass mir ein Trödler einen Goldrahmen mit Glas verkaufte. Auf meine Frage nach dem sehr schönen Pastell – Portrait eines Kindes, das in dem Rahmen steckte, meinte er „schmeiss  es weg, wenn es dir nicht gefällt.“ Den Gefallen habe ich ihm nicht getan.Das Bild hängt mitsamt Rahmen in meiner Bibliothek. Dieser Rahmen-Mode stand bereits seit den 50er Jahren eine viel einflussreichere Strömung gegenüber, die auf Rahmen verzichtete und v.a. Leinwand-Bilder als Objekte sehen wollte. Unter diesen Voraussetzungen entwickelte sich das Bild bei einigen Künstlerinnen und Künstlern zu fast beliebig geformten, in den Raum ausgreifenden (Frank Stella!) Relief-Objekten. Eine weitere starke Strömung war es den Rahmen selbst als künstlerisches Thema aufzugreifen. Bei Magritte waren Rahmen, bzw. die Verbindung von Rahmen und Bild immer wieder Bildinhalte. Andere Künstler haben das Thema , das auch kunsttheoretisch und kunstgeschichtlich bedeutsam ist ( M.Broodhaers) weitergeführt.

2.) Vor drei Tagen fiel mein Blick auf ein Bild, das um 2000 entstanden sein muss. Ich hatte das kleine Schmuckstück nie unter dem Thema „Rahmen“ betrachtet. Dabei ist das Thema sogar mehrschichtig abgehandelt.

Durch einen  breiten, dunklen Eiichenrahmen und zwei Passepartouts ergibt sich eine räumliche Wirkung, die durch eine kleine Rundnische, in der  die Hauptfigur, ein Mädchen steht, noch vertieft wird. Diese kleine runde „Apsis“  passt zu der statuenhaften Ruhe, die das Mädchen ausstrahlt. Mit ihren großen Augen, offenen dunklen Haaren , dem karmesinroten Kleid ,weissen Strümpfen und Schnallenschuhen steht sie dem Betrachter  frontal und ruhig gegenüber.  In ihrer linken Hand hängt mehr als dass er gehalten wird eben jener Rahmen, mit dem das ganze Bild  als Ganzes gerahmt ist. Ich empfinde jetzt beim genaueren Betrachten eine deutliche Spannung  zwischen der Figur, die mit einer kaum wahrnehmbaren Unschärfe, einem „Sfumato“ gemalt ist , und dem im ersten Moment belanglos wirkenden Rahmen. Salopp gesagt, sieht es so aus, als ob ihr jemand in letzter Minute noch den Rahmen in die Hand gedrückt hat, damit das Ganze nicht zu steif  wirkt. Der junge Maler war zur Zeit der Entstehung des Bildchens  , nach eigener Aussage, u.a. von  Balthus und seinen „Lolitas“ beeindruckt. Das mag  bei der Wahl des Motivs „Mädchen „eine Rolle gespielt  haben. Allerdings  sind eine Reihe grundlegender Unterschiede  hervorzuheben. Die kleine Nische , der direkte Blick  und die festliche Kleidung unterstreichen die Besonderheit der  jungen Dame  und rücken sie in Richtung von Heiligendarstellungen. Eine ‚Jeanne d‘ Arc  des Rahmens ’sozusagen. Für mich war das nicht nur eine verblüffende Wiederentdeckung eines  über die Jahre allzu vertrauten Bildes, sondern auch eine so noch nicht gesehene Facette des Themas Rahmen. Um 1800 herrschte die Meinung vor, dass ein Kunstwerk sehr wohl einen Rahmen verdient hat. Durch den Rahmen wird noch die Eigengesetzlichkeit und Qualität des Bildes unterstrichen. Vor dem Hintergrund der  christlichen Ikonografie trägt die kleine „Heilige“ ihr Attribut, einen Rahmen als Nachweis ihrer Identität bei sich. Übersetzt heißt sie „Kunst „- ohne wenn und aber. Das Bild wäre dann eine anmutige Allegorie der Kunst. 

3.) Hier noch drei wichtige Literaturangaben zum Thema Rahmen:

Georg Simmel: “ Der Bildrahmen.Ein ästhetischer Versuch.“ (1902).In: Kramme, Ramstedt (Hg.) GS Gesamtausgabe,1995, S. 102-108

Jose‘ Ortega y Gasset: „Meditation über den Rahmen “ (1921). In ders. Über die Liebe..Meditationen, 1984, S. 61-72

Wolfgang Kemp:“Heimatrecht für Bilder.“ In: Mendeken,Eva (Hg.) In Perfect Harmony: Bild und Rahmen 1850-1920. Amsterdam (Katalog) 1995, S. 13-25

Kunst-Blog und Identität (Nr. 76)

Gequetschtes Aluminiumblech (vor chinesischem Messingteller), 2012

Aufgeschnittene Palette ( Zinkblech und Lack , Acrylglas), 2012

Einem Zufall verdanke ich diesen blog(1) , einem weiteren Zufall verdanke ich es, dass ich jetzt besser verstehe, warum ich den blog schreibe und warum ich das selbst so spannend finde.

Soziale Komponente

Ein Kollege erzählte mir vorgestern, dass er neben seinen eigentlichen Themen jährlich ein Projekt plane und durchführe, häufig unter Einbindung weiterer Künstlerinnen und Künstler und dies als Öffnung und soziale Erweiterung seiner Arbeit sieht. Plötzlich sah ich meinen blog als eine soche soziale Öffnung. Zwar kenne ich nur einige der Freunde und ‚follower‘ persönlich, denke aber, wenn ich schreibe und Bilder zusammenstelle, an viele interessierte Menschen mit ähnlichen oder aber auch abweichenden Erfahrungen.

Kontingenz

Damit wäre aber noch nicht geklärt, warum ich ohne Konzept Themen aneinanderreihe; Themen die mir ein- und zufallen. Bei der Lektüre eines frisch erschienenen Buches meines Freundes, des Erziehungswissenschaftlers Ludwig Liegle über eine Beziehungspädagogik stieß ich auf eine Passage über die Bedeutung der Kontingenz, letztlich des Zufalls, für die Entwicklung der Identität(2). Im Engeren geht es um Erfahrungslernen aus zufälligen, nicht zusammenhängenden Anlässen. Die Themenreihung in meinem blog kann man samt Anlässen, Orten, Zeiten, Personen, Intentionen als kontingent bezeichnen.

Spiel

Von hier öffnet sich (mir) ein Verstehensfenster zu meinem durchgängig spielerischen Kunst- und letztlich Weltumgang. Peter Prange schrieb dazu: „Ein gelehrtes Spielkind der Kunst, das für sich selber zeichnend und malend die eigene Tradition entdeckt und damit gleichzeitig für andere neue Türen zur Kunstgeschichte öffnet.“(3)  Wolfgang Urban notierte anlässlich eines Atelierbesuchs seine Beobachtungen “ …von der Erfahrung des Ateliers als einer Werkstatt des Spiels, einer Hingabe an das Spiel, an das spielerische ‚ Arbeiten ‚ mitsamt den damit gegebenen Zufällen.“(4)

Blog und Identität

Aus all dem folgere ich: der blog zwingt mich zu kontinuierlichem Lernen und verhilft mir zu einer sich permanent weiterentwickelnden Identität. Er knüpft zwar an meine Jahrzehnte Berufserfahrung als Kunstpädagoge, Theoretiker und Künstler an, jetzt aber unter der geänderten Bedingung nicht mehr auf normative Bedingungen schielen zu müssen. Die Regeln bestimme ich und eventuell Leser und eben der Zufall. Ein neues, super spannendes Spiel, aber eben auch „spielerisches   Arbeiten „.

1) Vergl. Art77blog. axel-von-criegern.de Sept.2016: How does this happen to write a blog at 77?

2) Ludwig Liegle, Beziehungspädagogik. Erziehung, Lehre und Lernen als Erziehungspraxis. Stuttgart (Kohlhammer), 2017, S. 204 f.

3) Axel von Criegern, Meine Bilder. Tübingen (Wasmuth), 2009.Vorwort von Peter Prange.

4) Der freundschaftlichen Beziehung zum langjährigen Direktor des Museums der Diözese Rottenburg/Stuttgart und Verfasser zahlreicher Bücher und Aufsätze, Prof. Wolfgang Urban, verdanke ich viele Anregungen.

 Zufälliger Abdruck von Zeichentusche, 1995

Kunst und Tod (Nr. 75)

 Ein langes Gespräch mit einer Kollegin über den Tod ihres Vaters, erinnerte mich an den Tod meines Vaters und meine Versuche der künstlerischen Bewälktigung.

In dieser Arbeit versuchte ich gemeinsame Erlebnisse und Gespräche, der uns verbindende Sinn für Komik, die Freude an den kleinen Dingen des Lebens und das Würdigen des bescheidenen Luxus in seinem „Seniorenstift“ zu be(ver)arbeiten.

Tragisch waren die Umstände seines Todes.

Nach einer miserablen Nacht empfahl der Arzt eine Untersuchung im Krankenhaus wegen des Verdachts auf Herzinfarkt.

Der Patient verließ komplett angezogen und freundlich grüßend das Stift in der Gewissheit nach der Untersuchung zurückzukehren. Dass er dann im Krankenhaus starb, hat uns alle sehr mitgenommen.

Hier brach das Gebäude aus Vertrauen in die moderne Medizin, Hoffnung und Angst, weit in die Zukunft reichender Liebe und Vertrautheit mit dem anderen Leben schmerzlich zusammen.

Nachbbemerkung

Typisch für unsere Zeit ist die Wahrnehmung des Ichs, die sich in meinem Fall in der künstlerischen Bewältigung des Erlebten niederschlägt. Für unsere eigene Standortbestimmung kann es nützlich sein sich sowohl die Geschichte als auch das Umfeld unserer Trauerarbeit zu vergegenwärtigen.

Frühe Formen waren das Aussperren  und Verbannen der Toten aus Angst vor Unheil, aber auch das Gegenteil, die Asche der Toten und ihr Bild nahe bei sich im Haus zu haben. Immer wieder ging es um das Weiterleben nach dem Tod. Im europäischen Mittelalter dominierte vor dem Hintergrund der Sündhaftigkeit der Sterblichen das Grauen vor dem Tod. Erst mit der Aufklärung entsteht das sensible Subjekt als Voaussetzung für die innerliche (intrapersonale) Trauerarbeit.

Unsere heutige Sterbe-und Trauerkultur ist vor dem realen Geschehen in den Kriegsgebieten vergleichsweise „lite“ und „soft“. Jugend-Werbung und hoch entwickelte Medizin haben das Grauen verdrängt . Die individuelle Verarbeitung des Todes findet in zuvor nie gekannter Vielfalt statt.

Ich denke dass sich jede Künstlerin und jeder Künstler bei der  Auseinandersetzung mit dem Tod in ein hoch aufgeladenes Spannungsfeld begibt.

44) 35 Panels (Nr. 74)

„35 Panels“. Handkolorierte Kaltnadelradierung, Juni 2017.

Ich will eine Radierung drucken. Fluchend, mit Verzweiflungsanfällen: Farbe zu zäh, die Sauberkeit lässt zu wünschen übrig, Papier zu trocken, der Plattenton stimmt nie richtig, die Presse ist verwahrlost… und dabei habe ich schon 16 Drucke einer 20 er Auflage fertig!!

Nach allen möglichen Vorüberlegungen, wie ich die Edition unserer ehrwürdigen Künstlervereinigung beglücken könnte, hatte ich mich zur Radierung (Kaltnadel) und zum Raster als Form entschieden. Die 35 Felder haben keine tiefere Bedeutung, sondern ergeben sich aus der Aufteilung der rechteckigen Zinkplatte in Quadrate.

Raster sind für mich so etwas wie der Humus der künstlerischen Arbeit. Da spielen ein Stück Regel-Sehnsucht und die Lust auf spontane Entscheidungen zusammen. Die Affinität der Quadrate zu Comic-Panels legt eine Erzählung nahe. Das würde allerdings ein Konzept voraussetzen, das es aber nicht gibt. Dennoch ist man bereit eine Folge, einen Ablauf oder Film aus den Bildern herauszulesen.

Ich habe in der Mitte des Rasters mit den Würfeln und Kugeln begonnen und links davon die angeschnittene , große Netz-Kugel platziert. Daraus entwickelte sich ein AB-Schema. Alle Panels reagieren untereinander als Oppositionen oder Ähnlichkeiten: kompakte Körper gegen offene Linien, dunkle gegen helle, offene Flächen, Schraffuren gegen Schwärzen, Texturen gegen klare Grenzen, geometrisch gegen organisch, Ausdruck gegen Distanz, Einzelheiten gegen Panoramen, vereinfacht gegen elaboriert…Dem Betrachter obliegt es die Teile zu Geschichten oder Folgen zusammenzusehen. Es ist ein Gewebe, dessen Zeichen und Syntax erst im Machen entsteht . Dazu kommt noch die Verschiedenheit einzelner Drucke.

Indem ich das schreibe, beschönige ich meinen Druckerpfusch. Aber selbst darin scheint noch Methode zu stecken: treibt mich das doch zu neuen, spielerischen Versuchen. Die abgebildete Handkolorierung ist ein solcher Schritt.

43) Meine Bilder müssen mich unterhalten

 

„Wollust“,Aquarell, Mai 2017
„Gänsebischof“, 3D- Papiercollage, 2008
„Genre“, Acryl a.Lw. Mai 2017
„Clown“, Acryl a.W. Mai 2017

Das Tafelbild von historischer Geltung ist ein bleibender Sehnsuchtsort der Künstler. Historisch und modellhaft könnte man das so verstehen, dass der erste große Schub von Zeichen und naturalistischen Darstellunngen der Steinzeit am Beginn einer Entwicklung stand, die zum Höhepunkt der italienischen Renaissance führte. Nach diesem Modell hätte danach eine Agonie des Bildes im Sinne der Auflösung einzelner Bild-Konstituenten und des Formzusammenhangs begonnen. Einen Neubeginn brachte das 19. Jahrhundert mit einem Bildkonzept, das sich von der Ikonografie ab- und der Bildkonstruktion zuwandte. Das bedeutete nicht völligen Themenverzicht und Strenge, sondern Gewicht beim Aufbau. So wohnte der Öffnung der Fläche zu Bildreliefs um 1900 eine gewisse Logik inne. Sehe ich mich als kunstgeschichtes Subjekt, als Kind der Kunst- Geschichte, dann ist es verführerisch eine solche „phylogenetische“ Betrachtungsweise „ontogenetisch“ auf sich selbst zu beziehen. Für mich  war die Auflösung der  Bildfläche nach langer Auseinandersetzung mit den Bildern Jan Steens ein notwendiger Schritt. Anders als den Künstlern von 1900 ging es mir dabei um Aktualisierung und Aufklärung, um Animation und Spiel. Ich zerlegte die Bilder Steens und setzte die Figuren für diese Zwecke ein. Was nun besagte Sehnsucht nach dem ‚klassischen‘ Bild angeht, scheine ich dem hehren Anspruch davonzulaufen. Von meinen Bildern verlange ich, dass sie mich unterhalten. Das verbindet mich mit Jan Steen. Dazu gehören Brechungen des Ernstes, Auseinandersetzung, Vielfalt der Beziehungen. Und das bei einem  bekennenden Verehrer Mondrians. Da versteh noch einer den Menschen!

42) Künstler und Kunstgeschichte

 

Jede Künstlerin und jeder Künstler hat einen besonderen Zugang zum Fundament „Kunstgeschichte“. Historisch betrachtet war es selbstverständlich, tradierte Kunst weiterzugeben und weiter zu entwickeln. Mein Zugang war geisteswissenschaftllich. Das Studium an der Kunstakademie hatte meine heiße Frage nach dem Was, Wie, Warum der Kunst nicht beantwortet. Die Entscheidung an die 4 Jahre Kunstakademie ein fast ebenso langes Universitäts- Studium anzuhängen, sollte mich näher an die Kunst heranbringen. Schnell flossen in Recherchen und Aufzeichnungen Skizzen und eigene Entwürfe ein. Im Zentrum standen 3-jährige Forschungen zur Ikonografie der Fröhlichen Gesellschaften des niederländischen Malers Jan Steen (1626-1679). Nach dem Abschluss der Dissertation (vergl.  „Abfahrt von einem Wirtshaus. Ikonographische Studie zu einem Thema von Jan Steen „. In Oud Holland. Nr 1 Jaargang LXXXXVI S.9-32; Abdruck eines Kapitels ) habe ich versucht die Kunstpädagogik mit der Ikonografie/Ikonologie und natürlich mit Steen in Form von Büchern und Aufsätzen zu beglücken . 1996 begann ich mich entschieden als Künstler mit dem Werk Jan Steens auseinanderzusetzen . Dabei nahm ich die Struktur der Dissertation wieder auf  und entwickelte zu den einzelnen Bildern Projekte. Das erste war eine sehr repräsentative „Fröhliche Gesellschaft“ mit dem Titel  „So voer gesongen, soo na gepepen“, was unserem „Wie die Alten sungen,….“ entspricht, im Mauritshuis Den Haag (vergl.ausführlich  ‚ axel-von-criegern.de‘). Hunderte von Zeichnungen, Aquarellen, Serien, Acryl-Bilder und Plastiken entstanden. Für eine große Einzelausstellung 1999 in der Kunsthalle Tübingen wählte Götz Adriani die Arbeiten aus und empfahl didaktische Impulse zu minimieren (Katalog: Axel von Criegern, „Wie die Alten sungen…“ Auseinandersetzungen mit einem Bild von Jan Steen (1626-1679), Tübingen 1999). Die Zeitschrift Kunst und Unterricht veröffentlichte den mir so wichtigen aufklärerischen Impuls als Aufsatz: „Konzepte künstlerischer Auseinandersetzung. Erprobt an einem Bild aus dem 17. Jahrhundert. “  In: Kunst+Unterricht 233/1999, S. 40-43.

 

Heiterkeit als rettende Insel

© von Criegern

© von Criegern

Ich bekenne: Kunst bedeutet für mich wie vor 200 Jahren das Streben nach Ausgewogenheit und Schönheit, ja nach Vollkommenheit. Soweit die klassische Komponente. Was dazu gar nicht passt ist meine Angst vor der tödlichen Langeweile, die mich mit dem Erreichen dieser Vollkommenheit ergreifen könnte. Die Folge sind Fluchten, Zweifel, Zerstörungen. Sie gehen quer durch das sogen. Unbewusste und bestimmen auch bewusste Entscheidungen. Eigentlich ist es nur die Sehnsucht   selbst, die ganz friedlich und still ist. So platt es mir vorkommt, ist das wohl das romantische Aufbegehren gegen das Klassische.*Die alltägliche künstlerische Arbeit ist ein Spiel zwischen „Himmel“ und „Hölle“, ein Drahtseilakt. Keine geringere als Marina Abramovic‘ sagte einmal :“You are a lucky man!“ Wenn ich sie richtig verstanden habe, meinte sie die Fähigkeit immer wieder kleine Inseln des Glücks zu entdecken oder zu schaffen. Wie weit die Performance-Künstlerin allen Ernstes hinter dieser Äußerung steht, oder wie weit das small talk war, ist eine andere Frage. Jedenfalls brauche ich solche heiteren Rettungsinseln. Eine solche Insel sind die Plüschtiere der Enkel, die mich aus einem Körbchen anschauen. Eine andere sind die beiden geschäftigen Herren aus Keramikmasse, die kleine Fluchten aus einem sehr ernst gemeinten Auftrag sind.

* Vergl. AvC: „Ferdinand Hartmann, Hans Heinrich Meyer, der Geheimrat Goethe und wir. Anmerkungen zu den Weimarer Preisaufgaben..“ In Schiementz/Beilharz (Hrsg.): Ins Bild gesetzt. Festschrift für Max Kläger. Weinheim 1995.

 

41)Warum können Computer-Bilder so unerhört frech sein?

©axel von criegern

Beim Durchblättern meiner Fotos auf dem iPad fielen mir wieder die mit Stift und Fingern gezeichneten Bilder auf. Ich behaupte dass ihre Frechheit weniger als beim traditionellen Malen durch traditionelle Gestaltungsgrenzen und Regeln ausgebremst wird. Es ist als ob ein anderer Gestaltungsmodus aktiviert wird, nicht nur technisch, sondern auch imaginär. Ein künstlerisches „Schengen-Abkommen „tritt in Kraft. Und um dieses Bild weiter zu benutzen, nicht nur die Grenzen in der EU werden durchlässig, sondern weltweit. Aber alle Mitglieder der global art community bleiben ganz natürlich ihren regionalen,  ethnischen, nationalen Traditionen verbunden. Das macht die Sache noch komplexer. Denn drüber gibt es  den globalen Kunstmarkt, der zusammen mit den Medien nach wie vor westliche, europäische Masstäbe durchsetzt. Ich stelle mir vor, dass solche Computerbilder subversiv sind, weil sie mit leichter Hand und in wenigen Minuten das Gefühl der grenzenlosen Freiheit vermitteln.

40) Ein Gedicht rezitieren und simultan zeichnen

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Dieses Video ist der Versuch simultan zum eigenen Vorlesen eines Gedichts (Ludwig Uhland:“Die Kapelle „) zu zeichnen. Ich habe wiederum mit „My brushes“ auf dem iPad gezeichnet und mit dem iPhone aufgenommen. Die Dauer ist 2:10 Minuten. Ich brauchte einige Zeit um Abstand zu diesem grenzwertigen Experiment und seiner Veröffentlichung zu bekommen. Auf meine Frage antwortete mein Sohn lapidar: „Du bist der Künstler, du entscheidest.“

39) Ikonografische Kapriolen

Beim Bummeln über einen „Kunst-und Antiquitätenmarkt“ wurde ich auf eine Litfaßsäule aufmerksam, an der eine Öldruck-Madonna im Goldrahmen vor einem Plakat mit einer Frau auf rotem Grund hing. Was mich amüsierte war der sicher nicht beabsichtigte Gegensatz zwischen der zärtlichen Geste der Verehrung der Madonna ,dem frechen Aufreißen des Jacketts und dem herausfordernden Blick der Frau auf dem Plakat. Das Signet im Superman -Stil auf dem T-Shirt unterstrich den offensiven Auftritt. Eigentlich war es ein mehrfacher Gegensatz. Das Aufreißen der Jacke erinnert an das seit der Antike vertraute Motiv klagender Frauen, das in der christlichen Kunst in Darstellungen des bethlehemitischen Kindermordes nachklingt. Im Entblößen der Brüste steckt aber auch ein Moment verzweifelten Anbietens. Das wiederum steht im deutlichen Kontrast zum Plakat, das so gar nichts klagendes oder verzweifeltes hat.

Der Schlüssel musste das Zeichen a la superman sein. Ich suchte im Internet auf Verdacht nach „superman G“ und war verblüfft, dass dieses existiert und für „disruptivegeo.com“ steht. Der Knüller ist, dass sogar Supermann mit aufgerissenem Hemd im Stile des Plakats von dieser “ Geo spatial“ forschenden Organisation verwendet wird. Als ich übrigens diese kuriose Montage entdeckte hatte , war ich so begeistert, dass ich gar nicht geschaut habe, wofür auf dem Plakat im April 2017 geworben wurde. Auf jeden Fall ist der werbliche Zweck für jede Erklärung gut, insbesondere für den dreisten Blick.  Das Aufreißen des Gewandes um die Frau ‚ bloß zu stellen‘ gehört auch zum Arsenal der Gewaltanwendung gegen Frauen. Als Übergriffe kommt das offensichtlich heute sogar in der Unterhaltungsindustrie vor. Dazu zwei Meldungen, auf die ich wenige Minuten nach meiner Recherche stieß. In einer Talkshow habe der Gastgeber einer als ‚Busenwunder‘ eingeladenen Frau einfach die Bluse aufgeknöpft und im anderen Fall habe Madonna im Rahmen eines ihrer Auftritte einer 17- jährigen die Bluse aufgerissen. Da hilft auch die klassische Ikonografie mit ihren antiken Wurzeln nicht weiter.

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