39) Ikonografische Kapriolen

Beim Bummeln über einen „Kunst-und Antiquitätenmarkt“ wurde ich auf eine Litfaßsäule aufmerksam, an der eine Öldruck-Madonna im Goldrahmen vor einem Plakat mit einer Frau auf rotem Grund hing. Was mich amüsierte war der sicher nicht beabsichtigte Gegensatz zwischen der zärtlichen Geste der Verehrung der Madonna ,dem frechen Aufreißen des Jacketts und dem herausfordernden Blick der Frau auf dem Plakat. Das Signet im Superman -Stil auf dem T-Shirt unterstrich den offensiven Auftritt. Eigentlich war es ein mehrfacher Gegensatz. Das Aufreißen der Jacke erinnert an das seit der Antike vertraute Motiv klagender Frauen, das in der christlichen Kunst in Darstellungen des bethlehemitischen Kindermordes nachklingt. Im Entblößen der Brüste steckt aber auch ein Moment verzweifelten Anbietens. Das wiederum steht im deutlichen Kontrast zum Plakat, das so gar nichts klagendes oder verzweifeltes hat.

Der Schlüssel musste das Zeichen a la superman sein. Ich suchte im Internet auf Verdacht nach „superman G“ und war verblüfft, dass dieses existiert und für „disruptivegeo.com“ steht. Der Knüller ist, dass sogar Supermann mit aufgerissenem Hemd im Stile des Plakats von dieser “ Geo spatial“ forschenden Organisation verwendet wird. Als ich übrigens diese kuriose Montage entdeckte hatte , war ich so begeistert, dass ich gar nicht geschaut habe, wofür auf dem Plakat im April 2017 geworben wurde. Auf jeden Fall ist der werbliche Zweck für jede Erklärung gut, insbesondere für den dreisten Blick.  Das Aufreißen des Gewandes um die Frau ‚ bloß zu stellen‘ gehört auch zum Arsenal der Gewaltanwendung gegen Frauen. Als Übergriffe kommt das offensichtlich heute sogar in der Unterhaltungsindustrie vor. Dazu zwei Meldungen, auf die ich wenige Minuten nach meiner Recherche stieß. In einer Talkshow habe der Gastgeber einer als ‚Busenwunder‘ eingeladenen Frau einfach die Bluse aufgeknöpft und im anderen Fall habe Madonna im Rahmen eines ihrer Auftritte einer 17- jährigen die Bluse aufgerissen. Da hilft auch die klassische Ikonografie mit ihren antiken Wurzeln nicht weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.