Eine künstlerische Streitkultur? (109)

A v C :„Kunststreit“. 9×5 cm, Acryl, 2017 ©

Keine Frage: Deutschlands Kunst-Kultur ist Zeichen einer funktionierenden Demokratie. Ist sie das? Kunst-Demokratie bei uns heißt : Alles geht, und jeder ist ein Künstler. Und wo ist der „Demos“, das Kunst-Volk? Sind wir ehrlich: An erster Stelle stehen die Märkte- Auktionen, Messen, Ranking–gefolgt von den Medien und Kuratoren. Für den Einzelnen sind noch die lokalen Marktplätze, Institutionen, Ingroups und Publikum wichtig. Wir haben unser Grundwissen über die Moderne: Der um 1900 einsetzende Wandel der Kunstproduktion und im Gefolge der Rezeption: Ready mades, Dada, Happening, Performance, Installation, Foto- und Medienkunst, usw. Wir nehmen noch nie dagewesene Mengen von Informationen zur Kunst auf. Unser Gehirn funktioniert wie ein Radar-Grät, kontinuierlich und rundum. Wenn Konflikte auftauchen, dann bekommen wir sie über die Medien mit. Wir begnügen uns persönlich mit den „kleinen“ Märkten und Meinungen in der Familie, Kollegen- und Freundeskreis.

Im politischen Jargon wird heute zur Entwicklung einer Streitkultur aufgerufen. Sollten wir das nicht auch für die Kunst beherzigen? Dann würden wir Kunst ernst nehmen. Dann müssten wir allerdings unser Verhältnis zur Kunst überprüfen, gelentlich den Kunst-Wellness-Bereich mit seinem unverbindlichen Info-Flow verlassen, eine Meinung bilden und bereit sein, diese auch zu vertreten!

English Summary

Democracy needs a Streitkultur. Why not in the arts? Here we don´t discuss or fight. We consume, we enjoy, are excited or disgusted and sometimes happier as before. But do we articulate feelings, opinions or critique? We must start and free ourselves from the predominance of auctions, rankings, curators, media, find out and defend our own opinion.

Ein Zufallsfund im Internet: Tübinger Debattierverein. Streitkultur e.V. www.streitkultur.de

Schöpferische Pause/ creative break (Nr. 108)

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Meine tiefe Überzeugung ist, dass Kunst erst in der Anwendung ihren Sinn bekommt. Sie gestaltet Material, kann Zeichen für politische Meinungen, soziales Engagement, religiöse Inhalte und Menschlichkeit sein. Über Motive, Aufträge und Verwendung von Kunst in vorgeschichtlicher Zeit können wir nur Vermutungen anstelle. Für die geschichtliche Kunst lässt sich dieses Verhältnis mit Hilfe von Quellen rekonstruieren. Ich möchte von künstlerischen Problemen und Lösungen bei einer normalen Aufgabe des Communication Designs berichten.

„Für die Corporate Communication,die moderne Unternehmenskultur, haben Bildelemente, Logos und Figuren grosse Bedeutung..Sie sind Bestandteil der Corporate Identity, wirken nach Außen und spielen im Inneren eine wichtige, identitätsstiftende Rolle. Eine solche Figur („charakter“) sollte ich für  eine  Unternehmensgruppe des Sektors Bauen/Baustoffe entwerfen. Ihre Botschaft sollte sich nicht auf einzelne Produkte oder Leistungen beziehen, sondern allgemein auf  die Firmenphilosophie und  Unternehmenskultur. Zu den Visionen des Unternehmers gehörte eine identitätsstiftende Figur, die fordert, lobt, anregt, selbstbewusst , clever und wendig ist und vor allem unterhält.. Sie muss in sehr verschiedenen Situationen wiedererkennbar sein. Eine Vorgabe waren Leitsätze, die der Unternehmer für jedes Jahr formulierte. Die zu entwickelnde Figur sollte auf diese Leitsätze Bezug nehmen.“

Leicht abgewandelt steht es so in einer Dokumentation, die ich nach 8 Jahren der Zusammenarbeit vorgelegt habe.

Beim Telefonieren lache ich viel und gern. Ohne mir dessen gross bewusst zu sein, versuche ich die Distanz in dieser Situation zu überbrücken, eine offene Situation zu schaffen und Entgültigkeit zu vermeiden. Meine lachende Ansage ist: „Entspannung“. Im Falle einer Engstelle, die ich bei der Entwicklung besagter Figur auf mich zukommen sah, suchte ich auf einem „Nebenweg“ Entspannung- und entwarf ein Kartenspiel. Da ich mit Kindern und Enkeln gern „Doppelkopf“ spiele, lag das vielleicht nicht ganz so fern. Alle Figuren wollte ich in Anlehnung an meinen „Helden“ gestalten, ob König, Dame, Bube oder Ass. Dabei schweiften meine Gedanken ab: Wie weit lässt sich meine „identitätsstiftende“ Figur hinsichtlich Alter, Geschlecht, Kostüm und Rolle variieren? Und einmal im Verwertungsdenken: Könnte das Spiel ein Geschenk für Partner und Kunden sein, ein Merchandising-Produkt?

Das ist das Befreiende solcher „Ausflüge“: Sie machen den Blick frei auf Mögliches und machen neugierig auf Kommendes. Das wichtigste und letztlich schöpferische ist die Besinnung darauf, was da eigentlich passiert ist, bzw. nicht passiert ist.

English summary

The major sense of art for me is its use, its application. We know little about prehistoric idols, but they were certainly part of rites or cults. Medieval art was almost completely sacred. Today art as psychological or therapeutical tool is „in“. When I designed a logo-character for a construction materials-company, I noticed one day a total lack of inspiration. It was time for a creative break. I designed play cards inventing relatives and descendents of my basic character. It was certainly not really what the boss wanted, but it helped to make me feel free again, relaxed and „ unchained“.

 

Kunstexegese/ Art Exegesis (Nr. 107)

Folgt man Google und Wikipedia, dann ist die aus der Bibel-Exegese übernommene „Kunstexegese“ „out“. Oder härter, eine „no go“- Methode; nahe am „Labern“. Man redet um die Sache kompliziert herum, weil man zur Sache selbst nichts zu sagen hat. Hart!!

Mit Christoph Cless, einem kunstinteressierten, evangelischen Pfarrer, mache ich seit mindestens 10 Jahren kunstexegetische Erfahrungen anderer Art. In unseren Atelier-Gesprächen entstehen spannende künstlerisch-theologische Projekte, oder eben künstlerisch- philosphisch-theologische Exegesen.  (Vergl. art77blog, „Halloween, Allsaints, Allerheiligen“, 4.Nov. 2016 und „Martin, the goose bishop of Tours“, 7.Nov. 2016). Diese Woche, am 10. November 2017, geht eine Ausstellung zu Ende, die den Rahmen für eine Reihe von Vorträgen, Lesungen und Diskussionen zu Johannes Reuchlin, einem Zeitgenossen Luthers und „erster“ Humanist Deutschlands, unter dem Titel „Augenspiegel.2017.“ (In Anlehnung  an Reuchlins bekannteste Schrift ) bildet. Der Ort ist die Martinskirche in Tübingen, die Gemeindekirche von Christoph Cless.Die ausgestellten Bilder gehen zum grossen Teil auf jahrelange Gespräche mit meinem Theologen-Freund zurück. Dazu kamen Bilder, die ich früher zum“Hohen Lied“, zu Pranges „Gottessucherin“ und Matthias Hermanns Gedichten angefertigt habe und die in die Gespräche eingeflossen waren. Er hatte mir Literatur zur Judaistik und Bücher lebender jüdischer Autoren empfohlen und ich ihm mit meinen Bildkommentaren geantwortet.Während der Ausstellung hat Cless sein einführendes Referat mit Fotos meiner Bilder und Gedichten des jüdischen Autors Matthias Hermann, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe aus seinen Nachdichtungen der Psalmen las, als Broschüre veröffentlicht (leider nur in kleiner Auflage. Mehr ging nicht, die Gemeinde hatte ihr Bestes gegeben). Kunstexegese in diesem Verständnis als Methode haben wir anlässlich unseres bisher größten Projekts veröffentlicht :

Christoph Cless, Axel von Criegern: „Bischof Martin von Tours. Ein theologisch-künstlerisches Dialog“. In: Danner, Gansen, Heyd, Lieber (Hg.) Ästhetische Bildung, Perspektiven zu Theorie, Praxis, Kunst und Forschung. BoD Verlag, 2011.

Kunstexegese bedeutet für uns nicht das Interpretieren post facto, sondern die produktive Auslegung eines Themas in Wort und Bild.

 

Christoph Cless im Atelier. Bleistift 2017

Vergl. auch AvC, Meine Bilder. Tübingen( Wasmuth), 2009

English Summary

„Art Exegesis“ seems to be out. There is a lot of criticism about its empty talk. Together with a friend, a passionate lover of art and protestant minister I have the possibility to practise art exegesis in a particularly productive way. Based on literature and a lot of talks about jewish history and culture, I had developed drawings and paintings which were lately presented in his church together with lectures and discussions. 2011 we published an essay about bishop Martin of Tours and called it „A theological- artistic dialogue“. (see above)

Eine moralische Pflicht zur Kreativität? ( Nr. 106)

„Frau mit Kandelaber“ 2017; Frottage, Aquarell

Jeder kunstinteressierte Mensch wird bei dieser Vorstellung befremdet den Kopf schütteln. Aber das gibt es natürlich dort, wo es um Aufträge und Termine geht. Aber in der freien Kunst? Ich habe Kunst so verinnerlicht, daß tägliches kreatives „Training“ zum Imperativ geworden ist.

Die obige Skizze entstand in einer Phase „kreativer Windstille“. Ich saß im Atelier und war mir dieser unangenehmen Situation bewußt. Zugrunde liegt eine tiefe Angst der kreative Lebensfaden könnte reißen- und was dann? Völlig uninspieriert legte ich ein  kleinkariertes Plastik-Gitter unter ein Blatt dünnes Notizpapier und begann mit einem Grafitblock zu rubbeln (frottieren). Der Prozess entwickelte sich extrem entspannt und dennoch war meine Aufmerksamkeit geweckt. Die entstehende Fläche provozierte Akzente und Richtungsstriche- „Beine“, „Kopf“, „Kerzen“ Nichts Großes. Aber diese kleine Erfolg hat mir über den „Hänger“ hinweggeholfen.

p.s. Natürlich gibt es viele Möglichkeiten mit einer solchen Situation zurecht zu kommen: Gespräche, Alltags-Beobachtungen, kritzeln oder auch herumhängen, „chillen“ ohne Angst: im Wissen, daß es irgendwie immer weiter geht.

English Summary

Lost of creativity?

For me creativity is a vital need, a vitamin. I am horrified by the vision of a breakdown of creativity, drying out of this central power of my life.Sitting in the studio and realizing that this was one of those frightening moments I saw a plastic grid right in front of me, layed it under a piece of cheap note-paper and started rubbing with a graphit-bloc. I just played around, easy, no inspiration. I watched a kind of old fashion lady growing on the paper- legs, head and a chandelier. This little success and my starting interest proved that my creativity was stll alive.: „Hurrah!“ Silly? Yes! But it helps.

Künstlerisches Forschen/ Artistic Research (Nr.104)

„Ikonologie“, 2017, Feder, Tusche, Buntstift
„Jan Steens Bildraum“, o.J. Alublech, Lack

Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich der Begriff „künstlerische Forschung“ etabliert. Gefordert ist die Anerkennung der Gleichwertigkeit künstlerischen und wissenschaftichen Forschens. Künstler haben schon immer Forschungsleistungen erbracht. Leonardos grafisch reizvolle Naturstudien sollten besondere Phänomene wie Wolken oder Wasserströmungen darstellen und zum besseren Verständnis der Natur beitragen. Damit würde ich heute die Versuche vergleichen Gravitationswellen  bildhaft darzustellen, wie sie in den letzten Tagen durch die Medien gingen. Unbestritten ist die Leistung der Renaissance – Künstler bei der Entwicklung der Perspektive. Und am „Bauhaus“ wurde sehr wohl künstlerisch geforscht ohne den Begriff zu verwenden. Verkürzt lässt sich sagen, dass die Erforschung der künstlerischen Innovationen ein Schwerpunkt der Kunstgeschichte ist.. Häufig bewegt sich die Kunst in Gebieten, die auf den ersten Blick keinesfalls künstlerisch sind, wie die futuristische Kunst beim Darstellen der Geschwindigkeit. Und wie verhält es sich mit Saracenos Erforschung der Statik der Spinnennetze? Angesichts der raschen Entwicklung und Ausdifferenzierung der Wissenschaften kann durchaus gefragt werden warum die Künste zurückhängen sollen. Praktisch geht es um die Förderung der „ wissenschaftlichen“ Kunst und ihrer gesellschaftlichen/ akademischen Anerkennung.

Persönlich berührt mich dieses Thema sehr.„Was ist und wie geht Kunst?“ waren die Fragen, die mich schon in der Schulzeit umtrieben. Meine Lust an der Kunstgeschichte und an den Berührungspunkten von Kunst und Kunstgeschichte resultieren daraus.  Meine Forschungsarbeiten zu Jan Steen und zur  Ikonografie/ Ikonologie sah ich zwar auf einer Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst, aber es dauerte 30 Jahre bis sich bei mir das Bewusstsein ausbildete, dass die künstlerische und die kunstgeschichtliche Steen-Forschung an einem Strang ziehen können, ja müssen. Die geringe Wahrnehmung solcher künstlerischen Forschungs Projekte spricht dafür, dass noch einige Zeit bis zu einer breiteren gesellschaftlichen Anerkennung vergehen wird.

Für mich war die Suche im Internet zu den Stichworten „künstlerische Forschung“, bzw. „ artistic research“  sehr informativ. Einen Einstieg in meine künstlerische Forschung zu Jan Steen vermittelt der Katalog zu meinerAusstellung in der Kunsthalle Tübingen „Wie die Alten sungen. Auseinandersetzung mit einem Bild von Jan Steen (1626- 1679).“  Tübingen 1999.

English summary

There is no doubt that artists did and do research in arts. In the past the church, royalties , social, economic and political changes asked for artistic innovations: Just to mention stained glass windows,  the Medici academy, perspective, the october revolution in Russia or the Bauhaus at Weimar. Particularly the „Bauhaus“ practiced 1919 -1933 artistic research. With the year 2000 we notice an increasing interest in  artistic research, standards, studies, qualifications, academic degrees and careers. The author himself switched from a conventional research in art history in the sixties (Iconography of the merry companies of the dutch painter Jan Steen) to artistic research of the same painter Jan Steen (1626-1679) in the nineties of the last century.

 

Der Alptraum oder Dürers Traum heute.(Nr. 103)

    „Alptraum“, 2017 . Aquarell, Grafit, collagiert

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Ein Protokoll

Beim morgendlichen Aufwachen hatte ich das Gefühl der Bedrohung. Immer deutlicher wurde: Ich hing in einer Kletterwand. Unter mir stieg eine schwarze Brühe immer höher. Über mir war die Wand durch eine Decke geschlossen.

Mein Versuch das Ganze als Bild festzuhalten endete katastrophal. Die Bedrohung kam nicht rüber, mit der Kletterwand verbinden sich andere Ängste. Jeder von Piranesis „Carceri“ (17.Jh.) wirkte- ohne Kletterer -bedrohlicher.

Albrecht Dürer hatte 1525 einen Alptraum als Aquarell dokumentiert und durch die genaue Beschreibung des Traums das Grauen nachvollziehbar gemacht. Er setzte damit eine Marke, an der es sich seitdem zu messen gilt. So beleidige ich ihn noch im Grabe.!

Als wiederholte Versuche das Bild zu verbessern die Situation nur verschlimmerten, dämmerte es mir, dass ich mich mit meiner Darstellung auf ein falsches Gleis begeben hatte: Solche Alpträume werden heute in allen Medien auf höchstem handwerklichen und suggestiven Niveau gezeigt. Und zudem passte mein Entwurf nicht zu meiner Ästhetik. Also nix. Nach einer weiteren Nacht war ich zu neuem Handeln bereit. Diesmal sollten Schere und Klebstoff zum Einsatz kommen. Leider habe ich dann vor lauter neuem Eifer den ersten Zustand nicht fotografiert.

Beim Schneiden und erst recht beim Verschieben der Teile stellte sich das befreiende Gefühl ein, wieder in meine Kunst-Spur zurückzukehren. Eine Spur, die zwar  nicht in erster Linie zum Darstellen von Alpträumen geeignet ist, die es mir aber auf der anderen Seite ermöglicht die traumatischen  Werke   H. Boschs ,F. Goyas oder H. Füsslis , aber auch die Kriegsbilder von Dix und Beckmann immer wieder in ihrer künstlerische Leistung frisch zu würdigen.

M.W. gibt es in der Diskussion der „posttraumatischen Belastungsstörungen“ die Vorstellung durch detaillierte Wiederholungen des Erlebten eine Basis für eine positive oder weniger belastende Wendung zu schaffen. Daran musste ich denken, als ich mit Hilfe der  ausgeschnittenen Teile eine neue Bildwirklichkeit schuf, die von meinem Alptraum wegdriftete. Das Verschränken der erhobenen Arme mit einem Querbalken könnte an finstere Themen wie Kreuztragungen, Sklavenkarawanen, Folterungen erinnern. Die Farbigkeit und die Bewegung der Figur, die hier wie ein beschwingtes Hüpfen wirkt, blockieren solch finstere Anmutungen. Also:  „Ist ja noch mal gut gegangen!“

Mir nur aus Rezensionen bekannt, aber wohl einschlägig: Kreuzer, Stefanie, Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst. (W.Finke) Paderborn 2014.

Englisch Summary

Recently I woke up from a nightmare: While boldering muddy water was going to reach me. Above was no escape, no chance. Like Albrecht Dürer 1525 I tried to fix this dream. But I failed completely. (Because the 15th century didn’t know photography and movie?) Although I have done hundreds of illustrations before, this one was simply poor. The next day I took scissors and cut this ‚masterwork’ in pieces. I only saved the climber. Doing so I felt much better and free for an own, individual solution. Sure that the light colors  and the motion of this human are not really doom. But the cross timber above may together with the description remind of torture, captivity, slavery…

 

 

Bahnsteig 9 3/4 (Nr.102)

    Achse eines Müllcontainers (Plastik) Foto AvC
Eisentreppe in einer italienischen Markthalle (Foto AvC)
Gulideckel mit Zigarettenkippe (Foto AvC)

Jeder kennt heute den Bahnsteig 9 3/4 aus Harry Potter. Eine wunderbare Idee, die für das Konzept dieser Romanfolge steht. Ich sehe mich permanent auf dieser Schwelle zu einer anderen Welt. Oft war das auch ein Auftrag für den Illustrator. Gar nicht so einfach! Soll doch diese andere Seite für Leser und Leserinnen so überzeugend wie möglich werden. (Vergl.  die von mir für den Klett Verlag gestalteten Deutschbücher „Lesezeichen“ und “ Sprachschlüssel“) Hier ackern heute die Entwickler von  Computerspielen und Fantasy Filmen. Am meisten Laune macht es mir, wenn vor meinen Augen unerwartet Gestalten und Gesichter aus einer anderen Welt hervortreten. Dass  für viele Künstler das Eindringen fremder Welten, bzw. ihr Eindringen in diese zur Obsession werden kann, ist bekannt. Hier denke ich an die mittelalterlichen Darstellungen von Fremdheit (Meeresungeheuer) oder von absoluter Bedrohung ( Fegefeuer, jüngstes Gericht oder Goyas „Capriccios“). Mir liegen die Obsessionen weniger. Mehr unterhält mich wenn mir Dinge in völlig unverfänglichen Situationen in den Blick springen. Das galt z. B. für die alien- Maske, die ich als Achse eines schwarzen Müllcontainers entdedeckte. Ein anderes Thema ist es dann derartige Fundstücke in umwerfende Metall-Skulpturen etwa von Anthony Caro ( z.Z. Im Museum Schütte in Düsseldorf ) verarbeitet zu sehen. Ich war hingerissen und beschämt. Hatte ich doch diesen 1924 geborenen Schüler Henry Moors nicht seinem Rang entsprechend „auf dem Schirm“ gehabt.

English summary

Track 9 3/4

you probably remember the track where Harry Potter and his friends started to Hogwarts. It is the entrance in a magic and mysterious world. In a way artists live aleays on the boarderline to Hogwarts. You don’t need a train to get there. Some days before I stepped right in an aliens‘ mask watching me from a black plastic  waste container. In an italian market hall leads a wonderful stair into nowhere. The day before yesterday I visited a show with metal sculpures of the 1924 born Anthony Caro ( Düsseldorf). He transformed abandonded materials of the industrial world in amazing, beautiful works of art. I say this because used things mustn‘ t necessarily end as trash art. 

Eine Bildblockade lösen (Nr. 101)


I  

Seit Tagen lag auf meinem Arbeitstisch ein Bild, das ich nicht für einen Post verwendet habe, ‚ untätig ‚ herum. Es war kein Spitzenbild. Ein großer vertikaler Abschnitt besetzte das linke Drittel der Bildfläche und mit den weiteren kleineren Bildteilen schaffte ich keinen annehmbaren Ausgleich. Das Ganze bestand aus einzelnen Motiven ohne erkennbaren Zusammenhang. Ich erinnere mich daran, dass eine meiner Rettungsaktionen darin bestand, dass ich die Szenen durch schwarze Linien rahmte und zugleich von den Nachbarn trennte. Das machte das Ganze noch starrer. Gestern Abend nahm ich- leider ohne das Bild vorher zu fotografieren- kurzerhand die Schere und zerlegte das  Bild. Und siehe da, die Einzelteile begannen zu leben, schienen Luft zu bekommen.

Was war da nun eigentlich geschehen?  Mit meinem Drang zum Erzählen hatte ich ein Blatt locker assoziierend gefüllt. Dabei ging mir der Überblick verloren. Durch Rahmen versuchte ich eine Struktur   zu schaffen, die eine Bedeutung hervorbringen würde. Ich hatte nicht bedacht, dass das  Bild nun erstarren würde. Das Zerschneiden hat die einzelnen  Bilder freigesetzt und ihnen eine Autonomie gegeben. Das reizte bei einigen Motiven dazu mit ein paar zusätzlichen Strichen Akzente zu setzen und sie so aufzuwerten. Mit der ganzen Aktion hatte ich nicht nur eine Blockade gelöst. sondern den Vorhang zu einem Bildtheater geöffnet.

English summary

Maybe you know that story. After finishing a drawing I realized that it didn´t work. There was no balance. I painted thicker framelike lines, but the whole thing became rigid. So I gave up and forgot this ´masterpiece´. In a kind of rush I cut it the other day in pieces, following the frame lines. And now happened a strange thing. The little pictures began to breathe and became somehow independent. For me was it as if the curtain in a theatre had opened for a new play.

 

Raum und Bildraum (Nr. 100)

 

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Anlässlich einer Ausstellungseröffnung ging es u.a. um die „Abwesenheit des Menschen“ auf den ausgestellten Bildern von 3 Künstlerinnen.(1). Das regte mich dazu an mich selbst über meine eigene Einstellung zu Figur, Raum, Platz zu befragen. Ich machte mit dem mir im Blut liegenden ´visuelle Denken´  Notizen, Skizzen, Zeichnungen.

Die farbige Skizze entstand als ich aus dem Fenster eine kleine Gruppe, die vor dem benachbarten Teeladen gelegentlich  musiziert und das sich auf der gegenüberliegenden Strassenseite versammelnde Publikum beobachtete. Hier entstand ein Raum durch die Aktivitäten des Musizierens und des Zuhörens, Tanzens oder Weiterbummelns. Als sich diese Situation aufgelöst hatte, versuchte ich die raumbeschreibenden Linien mit einem Grafitstift zu erfassen.Interessant ist wie rasch sich dabei Eindrücke eines aus einer Fotografie extrahierten Liniengerüsts einstellen.

Meine Versuche die Sprache zur Klärung heranzuziehen, waren interessant, aber für meine Fragestellung nicht weiterführend. Dennoch stieß ich auf erhellende Unterschiede;  „Volk ohne Platz“ entlarvt das Pathos von „Volk ohne Raum“. Allerdings können Plätze vor allem der politischen Erinnerung mit gewaltigen Gefühlen aufgeladen sein.

In meinem künstlerischen Alltag kann ich mit einem Begriff von Raum, der diffus und offen ist, leben. Das ist wohl auch durch sich im Laufe der Zeit wandelnde Untersuchungen und Vorstellungen von Dimensionen, Zeit, Universen, Geschwindigkeit beeinflusst. Dagegen ist ein Platz begrenzt, flach,  masstäblich und perspektisch darstellbar. An dieser Stelle stieß ich allerdings auf Erwin Panofskis frühe Überlegungen aus den 20 Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zur „Perspektive als symbolische Form“. Und da hört die Einfachheit schon wieder auf.(2) So bildet sich dann mein diesbezügliches Grübeln ab.

Es bleibt dabei, daß ich durch und durch Ikonologe und Strukturalist bin! Sozusagen immer noch auf der Linie der klassischen Moderne seit der Auflösung des Lichtkontinuums durch Turner und die Impressionisten, über den Kubismus bis zum Bauhaus und Folgen. Wie in einem offenen Buch finde ich diese Entwicklung bei Piet Mondrian vom frühen Apfelbaum bis zu einem Victory Boogiewoogie zusammengefasst. Völlig entspannt  malte ich noch am selben Tag dieses kleine Aquarell zum Thema Raum. Und zwar ohne theoretischen Rückhalt!

(1)“Ausblicke“- Carola Dewor, Hannelore Fehse, Johanna Jakolwlev, Zehntscheuer Rottenburg a.N., 17.09. bis 12.11.2017. Einführung Dagmar Waizenegger

(2) Erwin Panofsky: Die Perspektive als „Symbolische Form“. In: Vorträge der Bibliothek Warburg 1924/25. Leipzig/ Berlin 1927

English Summary

As an artist Raum/space is somehow unlimited and unstructured for me.Practising drawing and painting you run into the question of perspective. Erwin Panosky liberated us in the twentier years of the last century from perspective as artistic dogma. And it were artists as Turner, the impressionists, cubists and the Bauhaus going this way even earlier. I consider myself as Iconologist and Structuralist and show my approach to the matter in a few scetches.

Panta rhei- alles fließt (Nr. 98)

Verlöschen und verändertes Wieder-Entstehen einer Pinselzeichnung . Foto-Stills eines Zeichenvorgangs auf dem sogen. ‚ Buddha Board‘ . ©avc 2017

1.)“Alles fliesst“ meinte der zu den Vorsokratikern (um 500 v.Chr.)  gerechnte Philosoph Heraklit und meinte damit  nicht nur Wasser.. Ein zweites Zitat finde ich noch plastischer:: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

2.) Mein Sohn hatte mir ein “ Buddha Board“ geschenkt. Das ist ein teuer und fernöstlich daherkommendes Schreib- und Zeichenbrett. Es ist eine Variante des immer wieder faszinierenden Phänomens der verschwindenden , geheimen Schriften, die wie von Geisterhand geschrieben wieder sichtbar werden  oder jene kleinen Zaubertafeln, die man beschreibt oder bezeichnet, und die beim Herausziehen aus ihrem Rahmen gelöscht werden. Das Buddha Board besteht aus einer Art stark saugendem Papier, das auf einer schwarzen Fläche aufgezogen ist. Man trägt mit dem Pinsel klares Wasser auf. Der schwarze Grund schlägt an den nassen Stellen durch. Je mehr Wasser, je dunkler.  Mit dem Verdunsten des  Wasser,s verschwindet die Zeichnung.

3.) Ich habe mich dem Brett wie einem schönen, neuen Spiel genähert und probiert. Es ist schon faszinierend wie die Zeichen, kaum geschrieben oder gezeichnet, heller werden und irgendwann ganz verschwinden. Durch die Tiefe, das unbekannte Woher und Wohin hat das schon etwas sehr geheimnisvolles. Es  erinnert an die nassen Fussspuren auf heissen Steinen,. Aber auch an weniger spaßige Geschichten wie die Sisyphos-Mühen, weil man gelungene Ergebnisse nicht festhalten kann oder das  an der Wand erscheinende „Menetekel“ am Hof Belsazars.

4.) Interessant ist die Anleitung zum Gebrauch der Tafel, die die Zen- Philosophie bemüht und das Entstehen und Vergehen als Meditationshilfe empfiehlt. Ich ging weniger meditativ als experimentierend an die Sache heran. Es war sehr spannend für einen Moment eine grafische Qualität zu entdecken, die dann wieder entglitt und gleichzeitig  dazu reizte, das verblassende Bild weiter zu malen. Das war wie auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Und mit Heraklit : auch eine Fotografie kann den  Verfall  des Bildes nicht aufhalten.

5.) Aber wir können etwas viel wichtigeres  lernen, nämlich jeden Zustand einer Arbeit als möglichen letzten zu betrachten. Die heute so gern beschworene „Achtsamkeit “ hat bei der Kunstproktion den Vorteil sich an sinnlich wahrnehmbaren Beständen festhalten zu können. Was ich mir noch zusätzlich davon verspreche, ist schon eine Art von „‚Zen- Effekt‘- man bleibt mehr bei der Sache, d.h. der Kunst.

Trying a ‚ Buddah Board‘  I thought of Heraklit ( about 500 B.C.)  and his “ Panta rhei“ , everything is floating , or  “ you can’t step twice in the same river.“ You can do a brushstroke with clear water on that board  only  once;  because  with the  drying water it fades away unstoppably. What I learned from this experience is to be more aware of  what  is  happening  with a sheet of paper , canvas, metal, wood through  when  I work and -respect  every step. It does not mean control  or evaluating, but living in it, feeling it. I guess that we all have experienced  what a single brushstroke , one single hit with the hammer can waste . Too often are we ruled by  models, fashions, main stream looks.  Sounds  morally and it  is -in the name of art.