Bebenhausen (Nr.87)

 

„Geistliche Musik in der Klosterkirche; Sonntag, 9.Juli 2017: „Von Bach bis   Brasilien“  Werke von Bach, Villa-Lobos u.a.  Mateus Dela Fonte (Gitarre),

Manfred Harm (Liturg)

Das Kloster Bebenhausen ‚ vor den Toren Tübingens‘ ist zum Glück in seiner Expansion früh gebremst worden und ist für mich ein Ort tiefen Friedens. Es könnte auch der Ort für eine Reihe von romantischen Kloster- Romanen in der Nachfolge von Umberto Ecos „Der Name der Rose “ sein: An Stelle der Benediktiner waren es hier die Zisterzienser. Ein bisschen von deren strengen Ordensregel meint man noch zu spüren. Sichtbar ist die für ihre Schlichtheit und Präzision berühmte Baukunst. Der als Zugeständnis gedachte Dachreiter der Klosterkirche  ist hier allerdings zu Beginn des  14.Jahrhunderts zu einem betörend eleganten und leichten Vierungsturm mutiert und das ebenfalls zu dieser Zeit entstandene Westfenster hat mit Strenge nichts mehr zu tun. Und überhaupt war der ehemals  asketische Reformorden längst wohlhabend und auch mächtig geworden. Eine Zeitlang soll ihm sogar die Stadt Tübingen gehört haben.

Ein Gitarrenkonzert vor vierzehn Tagen lockte mich und meine Frau ins Kloster. Wir bummelten gemütlich unter der Wehrmauer zum Fischteich, hinauf zum Wehrgang, Friedhof  und ins Kräutergärtlein. Für mich ist es immer wieder ein merkwürdiges Gefühl das amputierte Langhaus zu betreten .Ich ergänze in Gedanken die in der Reformation abgerissenen Joche und versuche mir den eindrucksvollen romanischen Bau vorzustellen. Wir fanden Sitzplätze in der Mitte mit Blick auf die herzerfrischend rustikale und stark farbig gefasste Kanzel im Stil der deutschen Renaissance. Ich fand es spannend, über uns einen romanischen ‚Klötzchen-Fries‘ zu entdecken, der vor der Kanzel abbrach, um dann doch mit wesentlich größeren Holz-Klötzchen unter der Brüstung der Kanzel weitergeführt zu werden.  Wie weit das bewusst gestaltet wurde oder, nicht spielte für mich in dem Moment keine große Rolle für mich.(Skizze 1).

Inzwischen betrat ein junger Mann mit seiner Gitarre durchs Seitenschiff aus Richtung des Kreuzgangs die Kirche und nahm vor uns Besuchern auf seinem Stuhl Platz. Natürlich hatte er für seinen linken Fuß die übliche Stütze dabei (das zum Verständnis der Skizzen).  Seitdem ich den alten Segovia im Konzert erlebt habe und nach früher Flamenco-Begeisterung habe ich eine große Liebe zu diesem Instrument. Von meiner Musikalität würde ich behaupten, daß sie als Freude da ist, als Kennerschaft aber nicht. Drei qualvolle Jahre Violinunterricht waren keine gute Basis. Aber jeder musikähnliche Lärm zieht mich magisch an. Jedenfalls war ich hin und weg und war mit einem kleineren Teil des Publikums, das verhalten zu klatschen begann, beleidigt, als ein ernster Mann von schräg oben hinter dem Musiker darum bat, bis zum Ende der Veranstaltung nicht mehr zu applaudieren. Das war der Liturg. Zugegebenerweise habe ich noch nie von einem solchen gehört. Aber es war ja „Geistliche Musik“ angekündigt. Was er las, waren Psalmen und vertraute Texte. Stellenweise schien es mir, als wenn die leidenschaftlichen, spanischen und brasilianischen Rhytmen und Läufe geradezu die fromme  Feierlichkeit unterwanderten. In der Skizze 2  habe ich versucht, der von mir empfundenen Diskrepanz angemessen dezent Ausdruck zu verleihen. Das Schlussstück von Joao Pernambuco und die Zugabe vor dem großen Chorfenster mit seinem eleganten Maßwerk (Skizze 3) erhoben sich wunderbar unverschämt über die protestantisch-zisterzensische Askese und verschafften mir ein seltenes synästhetisches Erlebnis. Ich mag es eben, wenn es in der „Kultur“ knistert, Risse und Widersprühe erlebbar werden.

 

 

„Wenn mans kann…“ (Nr. 86)

„Gotischer Faltenwurf“ (Arbeitstitel), H. 25 cm, Buchsbaum

In ihrem Kunstblog (stiftefieber.blogspot.de) zitiert Carola Dewor den wunderbar lapidaren Satz David  Hockneys „Ich bin Maler. Ich mache Bilder. Das ist etwas anderes als Kunst.“ Letztlich gilt das auch für die Bildhauerei. Angesichts der Herausforderung  eines unsäglich harten Stücks Buchsbaum kommen mir allerdings Zweifel. Endlich meine ich bei dieser meditativen Arbeit einer Antwort auf die Frage näher zu kommen, die mich seit meiner Jugend, durch das Kunststudium und durch kunstwissenschaftliche und didaktische Forschungen hindurch umgetrieben hat: die Frage nach der Kunst. Sie wird mir hier „be-greifbar“. Ich lerne nach Pestalozzi mit „Kopf, Herz und Hand“ was Kunst ist. Definieren kann ich es nicht. Sie entwickelt sich offensichtlich in der vielfältigen Auseinandersetzung mit dem Material- oder eben nicht. Angesichts dieser Erkenntnis erfüllt mich die Weisheit Nestroys oder Valentins mit ausgelassener Freude:  wenn mans kann, ist es keine Kunst und wenn mans nicht kann auch nicht!

Gitter und Perspektive( Nr. 85)

Gitter als  Hilfsmittel perspektivischer Darstellung und Gitter als künstlerisches Motiv

Blatt mit Notizen zum Thema 

Zur unverzerrten Konstruktion und Darstellung der Zentralperspektive war das Quadrat-Gitter notwendig. Es war ‚die‘ Erfindung der Renaissance. Nur so gelang es Verkürzungen von Körpern und Räumen in die Fläche zu projizieren.

Mit der Erfindung der Fotografie (patentiert 1839) war dieses Unternehmen beendet. Für die Künstler war eine andere Eigenschaft der Fotografie beeindruckend : ihre Unbestechlichkeit. Sie hält neutral alle vor ihrem Objektiv erscheinenden Einzelheiten fest. Perspektive und Projektion waren aus dem Zentrum der Kunst gerückt; Gegenständlichkeit bekam eine neue Qualität und Bedeutung und mit ihnen das Bild als Objekt. Einprägsam ist Picassos Aussage, dass er bei Porträts Nasen in ihren wirklichen Abmessungen darstellen wolle. Auf dieser Ebene bekam das Gitter neue künstlerische, aber auch naturwissenschaftliche Bedeutung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es zur Matrix der Kunst- und Architektur-Richtungen „De Stijl“ und „Bauhaus“(gegründet  1919). Das Gitter selbst wurde zum Kristallisations-Ansatz und Ordnungssystem aller möglichen Formen von Gestaltung.

AvC, „Da ist Leben im Gitter“, 2017; Aquarell, Feder, Tusche, 27×37 cm

Für mich ist das ungeheuer spannend. Kunst ereignet sich im Spiel mit diesem Ordnungssystem. Davon war ich offensichtlich schon vor dem  Kunststudium überzeugt. Bereits im ersten Semester kam es zum Streit mit dem Professor, der beim Zeichnen vor der Natur auf der Zentralperspektive bestand. Meine Nerven zogen den Kürzeren und ich unterbrach das Studium für zwei Jahre.

Resteverwertung, Wiederverwertung ( Nr. 84)

Das kann beim Bildhauen passieren: Bei dieser Arbeit an einem Robinien-Stamm („Akazie“) entstanden in der oberen Hälfte zwei Formen  nebeneinander, die beide durch große „Ösen“ sehr ähnlich waren. Zu ähnlich um sie so zu belassen. Beim Weiterarbeiten schlug ich aus Versehen die linke Form ab. Ein Vorteil war, dass jetzt die größere Kopfform dahinter klarer zu sehen war. Ich bildete mir ein, dadurch auch das Thema „Flüchtlinge “ deutlicher zu machen.

 

Das abgeschlagene Stück lag auf dem Atelier-Tisch neben meinen Zeichensachen. Gelegentlich, wenn mein Blick darauf fiel, hatte ich schon überlegt, ob ich daraus nicht eine kleine, selbständige Arbeit machen könnte. Aus irgendeinem Anlass begann ich vergangene Woche das Stück weiter zu bearbeiten. So wurde aus dem Abfall ein behelmter Kopf, den ich insgeheim „Hoplit“, nach den schwer bewaffneten griechischen Kämpfern, nannte.

Das Thema ist viel umfassender als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Historisch ging es dabei weniger um Reste als um Material-Knappheit. Abgeschabte und wieder  beschriebene Pergamentseiten, sogenannte „Palimpseste“  stehen dafür ebenso wie wieder verwendete Leinwände in späteren Zeiten. Bei letzteren war allerdings häufig die persönliche Mangelsituation  einzelner Künstler die Ursache. Eine ganz  andere  Form des „Recyclings “ kam mit der Moderne auf. Das begann mit Collagen , Assemblagen und erreichte mit  den Ready mades und Duchamps  berühmten Urinoir  einen radikalen Punkt. Dem „Recycling“ im Sinne der Abfall-Wirtschaft  kommt  heute die  Müll verwendende Kunst,“Müllkunst“, mit  Skulpturen und Assemblagen nahe.

 

Bücherliebe und Buchgenuss (Nr. 82)

Initialen; copyright avc
Initialen (Ausschnitt)

So richtig weiß ich nicht mehr, wann mein Interesse  an Büchern begann. Natürlich meine ich nicht die in  Seiten gefassten Texte, sondern Bücher mit Charakter, mit schweren Ledereinbänden, handgeschrieben auf wunderbarem Bütten oder Pergament, mit Bildern und Schrift, einige Seiten wie Teppiche, andere wie Miniatur-Bühnen für biblische Dramen. Sie strahlen eine Konzentratin und meditative Kraft aus. die mich immer wieder berührt. Mit den gedruckten Büchern nach 1500 n.Chr. kam das, was wir heute landläufig als Texte bezeichnen, in die  Bücher und mit ihnen eine erste Welle der Alphabetisierung. Diese Bücher zielten schon auf Verbreitung und wurden gehandelt. Aber sie waren noch geprägt von der Achtung, ja Ehrfurcht vor dem Wissen und zunehmend vom Auftrag zugleich zu belehren und zu unterhalten. Gut man mag sagen, dass das damals angesichts der kargen Medienlandschaft nahe lag und doch liegen hier die Grundsteine unseren heutigen Medienverständnisses. Ich denke, dass nicht nur für mich, sondern für viele kunstgeschichtlich Forschenden diese typografisch, bildlich , gestalterisch und inhaltlich zu einer Einheit verschmolzenen botanischen, medizinischen. moralischen, mythologischen, historischen, geografischen Bücher wahre Fundgruben sind.  Im Akademie-Studium hatte ich das Privileg in die Klasse des als Hesse-Freund und-Illustrator bekannt gewordenen Gunter Böhmer aufgenommen zu werden. Für mich wurde die Buchgestaltung immer mehr zum köstlichen Nährboden der Spiellust. In jede Gestaltungsaufgabe fließen Erfahrungen und Phantasien zusammen und drängen zur ästhetischen Umsetzung. Ich begnüge mich hier mit zwei Beispielen. Das eine sind Initialen, die im Rahmen der sehr anspruchsvollen Gestaltung des Klett-Deutschbuches „Lesespiegel“ entstanden sind (1980 ff.). Das zweite Beispiel gehört zur Gattung „Künstlerbücher“ und entstand 1993.

Als Schlüssel zum Verständnis  der Buchkunst in der Spätantike ,im Mittelalter  und darüber hinaus ,hat mich ein Büchlein von Karl Clausberg sehr beeindruckt: Die Wiener Genesis. Eine Bilderbuchgeschichte. Frankfurt/Maiin 1984 (=“kunststück).

Und natürlich verweise ich auf mein Buch “ Vom Text zum Bild. Wege ästhetischer Bildung“. Weinheim 1996.

Zeichentexte (Nr. 81)

Ein „Hänger“:  Mann, du bist reflektierender Künstler, bekennender Strukturalist und Ikonologe, nun setz dich hin und mach was!  The blog-show must go on!!

Es entsteht eine Art von „Brief“, ein Text aus unterschiedlichsten Zeichen. Ich versuche konzentriert und bewusst zu arbeiten um sofort danach den Prozess zu dokumentieren. Da ist wieder einer meiner stärksten Antriebe : mich selbst und andere über Kunst aufzuklären..

Ich fange links oben an (Briefanfänge in lateinischer Schrift, europäischer Standard). Zuerst eine kurze Sequenz von Strichzeichen mit schwarzem Kugelschreiber. Das daran anschließende Punktraster ist eine Art von Ordnungsruf zur Struktur und ihrer Strenge.

(Das Zeichen für WLAN kam etwas später dazu)

 

 

 

 

Das dritte Zeichen ist ein Kürzel für „Raum“ in Form gereihter Würfel.

Es folgen weitere scripturale Zeichen bis zu einem Stern mit Ausrufungsszeichen.

Den Schluß dieser Zeile bilden die Buchstaben „COM“, ein Tropfen und ein kräftiges, in den Unterlängenbereich gerutschtes „T“. Man kann auch den Kopf mit einer Uniform-Mütze in der Zeile darunter mit einbeziehen.

Nach dieser Comic-Erinnerung kommen Elemente hinzu, die z.T. aus der geöffneten Smart-phone Seite übernommen sind. Sie schließen an das WLAN Symbol zu Beginn an: „Kontakte, Kamera, mail, facebook, Fotos“.Aber auch Motive aus der Umgebung oder flüchtig aufgefangene Nachrichten tauchen auf: Die Kirche sehe ich von meinem Arbeitsplatz aus und zum Bild einer Frau mit Revolver las ich: „Schwangere Frau mit Revolver erschießt…“

In einem zweiten Durchgang wurde der Zeichentext ästhetisch weiter ausgebaut . Dazu dienen Buntstifte und die Verdichtung der Zeichen in Richtung Teppich und Text-Seite. Ich beobachte den „swing“, der die Zeichensetzung bestimmt und reagiere darauf:: die Farbwahl auf der Grundlage der Primärfarben blau, gelb, rot; die Lust den Farben eine Möglichkeit zu schaffen,  in die Fläche auszuströmen und dezente Ansätze von Schraffuren.

Dieses Vorgehen erinnert mich daran, daß ich schon 1974 sich selbst erschließende Bilder gemacht habe. Sie wurden kühn „art decode“, mit Hinweis auf den Code der Bilder und einer Alliteration zu „l ‚art deco „gestempelt.. Vom unteren Bildrand angeschnitten ist das Wort „KELLS“. Es bezieht sich auf das mittelalterliche „BOOK OF KELLS“. Dieses Manuskript wird u.a. Gegenstand des nächsten Beitrags sein.

 

 

 

 

 

 

 

Zur weiteren Vertiefung empfehle ich meinen Katalog zur Ausstellung „vor-schriften/vor-bilder“ (Zehntscheuer Rottenburg a.N. ,1996) mit dem Untertitel “ Texte und Zeichnungen.“

Computer, Pixel und die Welt aus Zeichen (Nr. 80)

03
03/04

Meine zu Beginn der 1990er Jahre starken Bedenken  gegen computerisierte Zeichen- und Malprogramme, verkehrten sich in der Folge ins Gegenteil🗝. Dazu meine Stichworte:

1) Überschaubares , „handliches“ Bildformat (abhängig vom Bildschirm)

2) Mein alter Traum „All in one “

3) Laufend verbesserte Programme: tools, Farben, Benutzung

4) Leuchtendes Farbspektrum

5) „Offenes“ Arbeiten , kurze Wege beim Gestalten, Korrektur- Möglichkeiten, rückgängig machen, löschen…

6) Hohes Mass an (Prozess-) Kontrolle, Überschaubarkeit, Zwischenspeicher

7)Gefühl der Allmacht (irrtümlich aber hilfreich)

 

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Dafür ein Beispiel zu einem mir wichtigen Thema: Die Welt als Zeichentext verstehen und darstellen🗝.🗝 2003 entstand ein entsprechendes Bild, das 2003/04 und 2008 nach zwei Computer-„Unfällen“ restauriert werden musste.

Vor zwei Wochen habe ich das Thema wieder aufgegriffen und den Übergang vom computerisierten zum ganz manuellen Zeichnen und Malen untersucht. Dabei entstanden mit der Maus gezeichnete und dann kolorierte Blätter, ein Versuch die mit der Maus gezeichneten Reihen mit dem Zeichenstift fortzuführen und ein Blatt, das ganz konventionell gezeichnet im „Stil“ einer Computerarbeit daherkommt.

🗝Das in enger Zusammenarbeit mit  Anja Mohr  und  Gerd Steinmueller  durchgeführte Forschungsprojekt zur Nutzung von Computern  durch Kinder an der  JLU Giessen zu Beginn der 1990er Jahre spielte dabei eine wichtige Rolle. 

🗝🗝 Rückblickend  wurde nach meinen ‚ikonografischen Jahren‘  unter dem Einfluss von Günter Bandmann und dem Abschluss der Disseration „Ikonographische Studien zu den Fröhlichen Gesellschaften Jan Steens “ , veröffentlicht 1971, der Strukturalismus zu  einer meiner zentralen Themen. Vgl. „Struktur und Politik. Grenzwerte der Kunstpädagogik.“ Berlin 1975.; Vgl. Lexikon der Kunstpädagogik, 1972 ff. : „Französischer  Strukturalismus,“ „Tschechischer Strukturalismus“, „Strukturforschung, Strukturanalyse“. Vgl. weiter : „Methodologische Überlegungen zur Analyse einer Werbestruktur “ in: Zeitschrift für Kunstpädagogik, 5/1972,S. 273-282  und  den Versuch einer gewagten Fusion von Ikonografie, Didaktik  und Struktur: „Die Transferstruktur-Zum Gegenwartsbezug  eines  niederländischen Gesellschaftsbildes“, in:  Kunstpädagogik 74. Konzepte-Aspekte – Marginalien, Ratingen 1974. Bei allem sich selbst in Szene setzen, sollte die Rolle von Hermann K. Ehmers  Doornkaat- Aufsatz nicht unterschlagen werden mit dem er uns jungen Kunstpädagogen  1970 Roland Barthes nahe brachte. Vgl. In :Ders. (Hg.):Visuelle Kommunikation. Zur Kritik der Bewussttseinsindustrie, Köln 1971. 

 

 

Rahmen als Zivilisations-Produkt? (Nr.79)

  • Für den Betrachter haben Rahmen eine auswählende , eine begrenzende und besonders was Kunstwerke angeht, definierende Bedeutung. Für  Künstler/innen kann der Rahmen den Schlussstrich am Ende einer Bildarbeit, die zusätzliche Betonung einer Bedeutung oder gerade deswegen der Grund für die Ablehnung von Rahmen sein. Historisch sind Rahmen mit dem Entstehen des ‚ Kunst-bewusstseins‘ verbunden. Inzwischen ist unsere Wahrnehmung ohne Rahmen gar nicht mehr vorstellbar: Filme, Fernsehgeräte, Displays und Monitore, Spiegel, Panoramafenster rahmen unsere Welt. In der Vorgeschichte des Menschen gab es keine gerahmten Bilder. In der Geschichte der Kunst gab es immer wieder künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Thema Rahmen bis zur völligen Ablehnung zugunsten von ungerahmten Bildobjekten. Wenn das Prinzip Rahmen eng mit Bildgesetzen, Kompositionen, Binnenorganisationen verbunden war, können wir heute von einer erheblichen Lockerung solcher Verbind-lichkeiten ausgehen. Künstler/innen, die sich auf konventionelle Anforderungen an die Kunst wie das Porträt oder religiöse Themen einlassen, kennen allerdings auch die diesbezüglichen Konflikte (Porträt als ‚ shaped canvas‘ ? Kenne ich nicht, heißt aber nicht, dass es ein solches nicht gibt). Bei mir ist es so, dass ich einem All over-/ Höhlenmalerei- Impuls folgen möchte , dann aber dafür keine Form finde (oder Mut und Atem nicht ausreichen) und so zwingend in Scharmützeln mit all den Rahmen in meinem Kopf ende.
„Goldrahmen“, Feder, Aquarell ©avc

 

Rahmen (Nr. 77)

Marc von Criegern, o.T. (Mädchen mt Rahmen) ,o.J. (Um 2000), 42x34cm, Öl a.Lw. Privatbesitz

1.) In den 1970er Jahren waren alte Rahmen „in“. So konnte es passieren, dass mir ein Trödler einen Goldrahmen mit Glas verkaufte. Auf meine Frage nach dem sehr schönen Pastell – Portrait eines Kindes, das in dem Rahmen steckte, meinte er „schmeiss  es weg, wenn es dir nicht gefällt.“ Den Gefallen habe ich ihm nicht getan.Das Bild hängt mitsamt Rahmen in meiner Bibliothek. Dieser Rahmen-Mode stand bereits seit den 50er Jahren eine viel einflussreichere Strömung gegenüber, die auf Rahmen verzichtete und v.a. Leinwand-Bilder als Objekte sehen wollte. Unter diesen Voraussetzungen entwickelte sich das Bild bei einigen Künstlerinnen und Künstlern zu fast beliebig geformten, in den Raum ausgreifenden (Frank Stella!) Relief-Objekten. Eine weitere starke Strömung war es den Rahmen selbst als künstlerisches Thema aufzugreifen. Bei Magritte waren Rahmen, bzw. die Verbindung von Rahmen und Bild immer wieder Bildinhalte. Andere Künstler haben das Thema , das auch kunsttheoretisch und kunstgeschichtlich bedeutsam ist ( M.Broodhaers) weitergeführt.

2.) Vor drei Tagen fiel mein Blick auf ein Bild, das um 2000 entstanden sein muss. Ich hatte das kleine Schmuckstück nie unter dem Thema „Rahmen“ betrachtet. Dabei ist das Thema sogar mehrschichtig abgehandelt.

Durch einen  breiten, dunklen Eiichenrahmen und zwei Passepartouts ergibt sich eine räumliche Wirkung, die durch eine kleine Rundnische, in der  die Hauptfigur, ein Mädchen steht, noch vertieft wird. Diese kleine runde „Apsis“  passt zu der statuenhaften Ruhe, die das Mädchen ausstrahlt. Mit ihren großen Augen, offenen dunklen Haaren , dem karmesinroten Kleid ,weissen Strümpfen und Schnallenschuhen steht sie dem Betrachter  frontal und ruhig gegenüber.  In ihrer linken Hand hängt mehr als dass er gehalten wird eben jener Rahmen, mit dem das ganze Bild  als Ganzes gerahmt ist. Ich empfinde jetzt beim genaueren Betrachten eine deutliche Spannung  zwischen der Figur, die mit einer kaum wahrnehmbaren Unschärfe, einem „Sfumato“ gemalt ist , und dem im ersten Moment belanglos wirkenden Rahmen. Salopp gesagt, sieht es so aus, als ob ihr jemand in letzter Minute noch den Rahmen in die Hand gedrückt hat, damit das Ganze nicht zu steif  wirkt. Der junge Maler war zur Zeit der Entstehung des Bildchens  , nach eigener Aussage, u.a. von  Balthus und seinen „Lolitas“ beeindruckt. Das mag  bei der Wahl des Motivs „Mädchen „eine Rolle gespielt  haben. Allerdings  sind eine Reihe grundlegender Unterschiede  hervorzuheben. Die kleine Nische , der direkte Blick  und die festliche Kleidung unterstreichen die Besonderheit der  jungen Dame  und rücken sie in Richtung von Heiligendarstellungen. Eine ‚Jeanne d‘ Arc  des Rahmens ’sozusagen. Für mich war das nicht nur eine verblüffende Wiederentdeckung eines  über die Jahre allzu vertrauten Bildes, sondern auch eine so noch nicht gesehene Facette des Themas Rahmen. Um 1800 herrschte die Meinung vor, dass ein Kunstwerk sehr wohl einen Rahmen verdient hat. Durch den Rahmen wird noch die Eigengesetzlichkeit und Qualität des Bildes unterstrichen. Vor dem Hintergrund der  christlichen Ikonografie trägt die kleine „Heilige“ ihr Attribut, einen Rahmen als Nachweis ihrer Identität bei sich. Übersetzt heißt sie „Kunst „- ohne wenn und aber. Das Bild wäre dann eine anmutige Allegorie der Kunst. 

3.) Hier noch drei wichtige Literaturangaben zum Thema Rahmen:

Georg Simmel: “ Der Bildrahmen.Ein ästhetischer Versuch.“ (1902).In: Kramme, Ramstedt (Hg.) GS Gesamtausgabe,1995, S. 102-108

Jose‘ Ortega y Gasset: „Meditation über den Rahmen “ (1921). In ders. Über die Liebe..Meditationen, 1984, S. 61-72

Wolfgang Kemp:“Heimatrecht für Bilder.“ In: Mendeken,Eva (Hg.) In Perfect Harmony: Bild und Rahmen 1850-1920. Amsterdam (Katalog) 1995, S. 13-25