Cosa sono le nuvole? Was ist das -Wolken? (Nr. 117)

Buch zu zwei Ausstellungen über ein Bild von Jan Steen (2004)

 

In der am 14. Januar zu Ende gegangenen Ausstellung von und über Alexander Kluge im Stuttgarter Kunstverein stieß ich auf Pier Paolo Pasolinos 20-minütigen Film „Cosa sono le nuvole?“ Für mich war das ein großes Erlebnis. Ich war wie gebannt. Dieser 1968 gedrehte Film enthält alles, was mich damals umtrieb und heute noch nachwirkt:Schauspieler, die wie Marionetten (Burattini) von oben mit Schnüren geführt werden, spielen Shakespears „Othello“: Jago (Toto´) dämonisch grasgrün angemalt, der Mohr mit großen Augen und unendlich naiv aus dem geschwärzten Gesicht blickend- das ganze Ensemble echte Straßentheater-Typen. Man kommt schnell zur Sache. Jago stiftet Othello dazu an die Gattin Desdemona aus ( unbegründeter) Eifersucht umzubringen. Das leuchtet dem Publikum überhaupt nicht ein, die Bühne wird gestürmt, Jago und Othello werden niedergerungen und von der Müllabfuhr entsorgt. Der angebliche Liebhaber und Desdemona werden gefeiert. Jago und Othello landen auf einer Müllkippe. Dort sehen sie das erste Mal den Himmel und Othello fragt den erfahreneren Jago, was das da oben sei und als der sagt „Wolken“,  kommt das entwaffnende:  Was sind Wolken?

Ebenfalls 1968 hat Kluge seinen preigekrönten Film „Artisten in der Zirkuskuppel:ratlos“ gedreht. Auch er bewegt sich in einer Fantasie-Wirklicheit. In Stuttgart greift er Pasolinis Gedanken der Verantwortung und Eingriffsmöglichkeiten aller Beteiligten unter Hinzuziehung weiteren Materials auf. Kluge stand der „Frankfurter Schule“ nahe und war mit Adorno befreundet. Uns Jüngeren war er als Kulturschaffender durchaus ein Begriff .Ich kann versuchen meine Situation 1968 zu beschreiben um die Einflüsse aufzuspüren. Aus Gesprächen mit Jüngeren weiß ich, daß unsere Offenheit nach allen Seiten und für alles  einschließlich „multi tasking“ heute nicht mehr denkbar, bzw. anzuraten ist: Zugleich Kunstlehrer, Familienvater und Student, Galerist und Zeitungszeichner, von POP und Marx angezogen, Doktorand und Institutsstürmer. Die Wirkungen auf meine spätere Arbeit kann ich am deutlichsten am Versuch Kunstgeschichte und künstlerische Praxis zu verbinden, nachweisen.

Als „zweite, künstlerische Dissertation“ (Peter Klaus Schuster in seiner Eröffnungsrede der Ausstellung „Wie die Alten sungen…“ 1999 in der Kunsthalle Tübingen) begann ich 1996  Jan Steens ( 1626-1679) Bilder regelrecht zu durchpflügen und alle  denkbaren Aspekte einzubringen. Während die Dissertation (Vergl. “ Abfahrt von einem Wirtshaus“  in Oud Holland. Driemaandelijks  Tijdschrift voor Nederlandse Kunstgeschiedenis, Nr. 1, 1971, S. 9-31) noch brav war, hatte ich in den Folgejahren schier grenzenlose Freiheit. Ohne den Schub von 1968  wäre die vielperspektivische, zum Alltag geöffnete, künstlerisch erweiterte und weitergeführte Auseinandersetzung mit historischen Kunstwerken , die bis zu einem Theaterstück, das die „Abfahrt“ als „Narrenschiff“ auslegt, geht, nicht denkbar gewesen.( Vergl. „Dramaturgie eines Bildes. Jan Steen (1626-1679), „Abfahrt von einem Wirtshaus“. Giessen, Tübingen 2004). Jetzt im fortgeschrittenen Alter ist es nicht immer einfach unschuldig zu fragen „Cosa sono le nuvole?“ Umso dankbarer bin ich für solche (selbst-)begeisternden Wiederbegegungen.

English Summary

Everybody has one day experienced the powerful impact of an artwork. That happened to me in an exhibition of Alexander Kluges latest  works. Here was it particularly a film by Pier Paolo Pasolini “ Cosa sono le nuvole?“ ,What are clouds? Finally I found out, why I was so excited about that film and the way Alexander Kluge worked with it. The key is the year 1968, when we – Pasolini(born 1922, Kluge (born 1932) and me (born 1939) realized, that new cultural and social powers affected actual and future work and life.

 

 

 

 

Sch

Jan Steen (1626-1679) und das Blech ( Nr. 113)

Jan Steen  (1626-1679), Abfahrt von einem Wirtshaus, Staatsgalerie Stuttgart
„Rederijker“
Die Kartenspieler; Aluminium, geschnitten , unbemalt
…und lackiert
Spielmann ( 360 Grad)
Die Bild- „Mannschaft“  auf einer Treppe (mit Künstler)

Die „Abfahrt von einem Wirtshaus“ des niederländischen Malers Jan Steen (1626-1679; Staatsgalerie Stuttgart) habe ich als zweites Bild einer Steen-Reihe verarbeitet. Mit der Bedeutung hatte ich mich im Rahmen meiner Dissertation 30 Jahre zuvor vertraut gemacht. Jetzt war mein Ziel das Bild zu „öffnen“- und zwar in jeder Hinsicht. Wir sollten uns physisch hineinbewegen können und lebendigen Zugang zur „Handlung“ finden. Das erste Konzept war eine Revue mit beweglichen Figuren. Pappe schied  als nicht robust genug aus. So landete ich beim Blech. Die gesamte „Mannschaft“ des Bildes wurde aus Zinkblech geschnitten und farbig lackiert. Die Handlung schrieb ich in Form eines Laienspiels a‘ la Shakespears „Sommernachtstraum“  oder „Herr Peter Squenz“ (Andreas Gryphius). Auch in den Niederlanden gab es vorwiegend von Handwerkern gebildete literarische Gruppen mit dem schönen Namen „Rederijker“, Rhetoriker. Studierende der Kunstpäagogik und der Theaterwissenschaft der Uni Gießen übten das Stück ein. Wir spielten das Stück „ Das Narrenschiff“ auf einer Puppenbühne des Instituts für Kunstpädagogik. Die Figuren wurden mit schwarzen Holzstäben geführt. Die vier schwarz gekleideten Herren sind Rederijker, die den dramatischen Rahmen liefern.

Sowohl für Ausstellungen des Projekts ( 2004 Kunsthalle Giessen, 2004 Kulturhalle Tübingen ; Katalog : „Dramaturgie eines Bildes. Auseinandersetzung mit Jan Steen (1626-1679 ): Abfahrt von einem Wirtshaus“ (ISBN 3-933916-12-7) als auch für größer ausgelegte Aufführungen erarbeitetete ich große Figuren. Sie wurden mit der Stichsäge aus Aluminium geschnitten und bunt lackiert.Faszinierend war die Idee der Tübinger Tanztheatergruppe „Treibhaus“ zum Abschluss der Tübinger Ausstellung mit den Figuren zur Musik rumänischer „Fanfaren“ zu tanzen.

Einen Schritt weiter ging ich mit einem Nicht-Steen-Projekt, in dem ich antike Figuren (Gipsabgüsse) möglichst vollrund aus Zinkblech formte und im Abgußsaal des Universitätsmuseums TüBingen ausstellte. Von diesen Erfahrungen profitierte ich bei einem weiteren Steen-Projekt, in dem ich die Figuren des Kasseler „Dreikönigsfestes“/“Bohnenfestes“ in ca 60 cm hohen Rundfiguren aus Zinkblech nachschuf und 2007 in der Galerie des Künstlerbundes Tübingene.V. ausstellte.

Literatur zu den Steen-Projekten:

Abfahrt von einem Wirthaus. Ikonografische Studie zu einem Thema von Jan Steen. In: Oud Holland. Tijdschrift voor Nederlandse Kunstgeschiedenis 1/1971, S. 9-32 ( Kapitel aus meiner Dissertation).

2oo3 der Katalog zum Stuttgarter Bild Steens (s.o.). Dort eine Reihe von Aufsätzen und Büchern zur Schnittmenge von meinen Steen-Forschungen und der Ästhetischen Erziehung

„Wie die Alten sungen…“ Auseinandersetzungen mit einem Bild von Jan Steen (1626- 1679). Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen ,1999. Dazu erschien ein Katalog. Tübingen, (Gulde)

„Lustige Gesellschaft auf einer Gartenterrasse“. Ein Bild-Bild-Diskurs über ein Gemälde des niederländischen Malers Jan Steen (1626-1679). München, koepäd 2006.

Einen Überblick über meine Steen-Projekte bietet meine homepage https://axel-von-criegern.de

English Summary:

My metal-sheet-work startet 2003 when I wanted to transform a picture by the  dutch painter Jan Steen (1626-1679) into a cabaret-show. Cartboard was not solid enough , so I tried zinc -sheets.. Fore another Steen- project with bigger figures I used thick sheets of aluminium- much lighter than zinc.