Kindliche „l‘art brut“ (art77blog, Nr.174)

O.T. Mädchen , fast 3 Jahre, Wachskreiden

Als ich dieses Geburtstagsgeschenk des kleinen blonden Engels für die Großmutter sah, durchfuhr mich ein ‚heiliger‘ Schrecken. Das kleinformatige Bild war wie ein Wirbelsturm in der Gruppe bemühter Aufmerksamkeiten. Als ich sie in typischer #Erwachsenen-Manier fragte, ob das links eine „Tulpe“ wäre, antwortete sie sehr entschieden : „rot“. Eigentlich hätte ich es ahnen müssen, dass hier eine junge Künstlerin nicht gelernte Begriffe in Bildzeichen übersetzt, sondern eine ureigene Bildsprache spricht. Natürlich wollte ich zuerst einen gelb-roten Blumenstrauß in einer Vase,mit #kindlicher Expressivität gemalt, gesehen haben. Erst dann wurde mir klar, dass die wuchtigen, diagonalen Balken und die sie kreuzenden Krakel, die über die runden Formen in der Mitte gelegt waren, ein eigener Text waren.
Es ist legitim unsere Lesegewohnheiten auch hier anzuwenden: wenn schon nicht Blumenvase, dann : ein großer Vogel stürzt sich mit geöffnetem Schnabel auf das Rot. Die am ehesten angemessene Form ist aber wohl die vorurteilsfreie ‚Lektüre’: die variablen gelben, fliegenden Kringel, die blaue Wolkenschleife und überhaupt dieser schmale Streifen mit dem Rot im Zentrum, der höchst energische Strich und die fast wütende Furchung des Papiers über das ganze Format, die hoch aufgestellten ,Feden‘ auf dem ‚Rücken‘, die schwungvollen, hellen Kurven auf den tiefschwarzen Balken, die eleganten ‚Schwanz‘- Kringel und das kleine , bizarre Wesen rechts davon.
Von #l‘art brut spreche ich nicht wegen der häufig zitierten kunsthistorischen Verwandtschaft, sondern wegen der hier spürbaren bildnerischen Unmittelbarkeit. Das materielle So- Dasein steht über jeder Bedeutung und Erzählung. Das Mädchen kennt zwar die Blumen-Namen noch nicht, aber sehr wohl die Bedeutung des Rots für ihr Bild. 
Warnung : Die Vorliebe für die #Farbe schwarz beim Malen hat hier nichts mit Depressionen oder Ängsten zu tun! Sie spricht für Monumentalität und Ich-Behauptung.

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