Ein verwackeltes Bild und die „Ambiguitätstoleranz“ (art77blog Nr.165)




Mit dem Begriff „Ambiguität“ im Sinne von

Mehrdeutigkeit glaubte ich keine Probleme zu haben. Das galt bis zur Lektüre von # Thomas Bauers Büchlein „ Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust der Mehrdeutigkeit und Vielheit (Reclam 2018), auf das Carola Dewor in ihrem Blog „Stiftefieber“ aufmerksam macht. Er sieht als Grund der #„Vereindeutigung“ der Welt den „markt-radikalen Kapitalismus“ und macht das auch für die Kunst geltend. Dagegen stellt er die Forderung die Grenzen der Gestaltungsfähigkeit des Menschen zu erweitern, indem man  im menschlichen Schaffensprozess einen Selbstwert sieht. Und so kam es, dass ich bei der Auswertung der Fotos vom Abend zuvor, als ich gerade ein völlig wertloses , weil verwackeltes Bild löschen wollte, stutzte: „#Ambiguität, die bereichert, findet nur zwischen den Polen Eindeutigkeit und unendlich vielen Bedeutungen statt.“ (S.50)  Jetzt fand ich das verkrachte Bild plötzlich interessant und schon stellten sich einige vernünftige Argumente ein: 

Die beiden dunklen Flecken sind wahrscheinlich zwei  „verwackelte“ Füße, die ich beim Runterreißen der Kamera noch erwischt habe. In die Sprache der Kunst ist die Unschärfe seit der Romantik fest aufgenommen. Neuen Auftrieb bekam sie durch die Entwicklung, bzw. Fehlentwicklungen der Fotografie. Hier denke ich an die Deutung von nicht gut gereinigten Glasplatten als #„Geisterfotografien“. Und Ende des 19.Jhdts faszinierten die Aufnahmen von Gegenständen, Menschen und Tieren in Bewegung. Die große Fläche, die die Mitte des Fotos bildet erinnert an Fotografien der zwanziger Jahre mit ihrer intensiven Suche nach Realismus. In der modernen Malerei haben nicht nur verwackelte Motive ihren Platz (#G.Richter), sondern auch konturenschwache, annähernd monochrome Bilder. Sie fordern unsere Fähigkeit mehrere Deutungen zu ertragen, geadezu heraus.

Was war nun geschehen? Durch die Lektüre angeregt, bekam das verwackelte, „wertlose“ Foto plötzlich Bedeutung. Denn eigentlich ging es mir ursprünglich darum die Fotos auf ihre Eindeutigkeit hin zu prüfen.

English Summary

This is an example for the impact of a text on looking at a Photography. I was going to tilt a blurred photography from my camera when I remembered the lecture of a booklet about ambiguity. Even when the blurred picture did not serve the purpose of documentation, it is beautiful in  itself. Isn‘t it?

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