Caritas und Madonna- die Allgegenwärtigkeit unseres kulturellen Gedächtnisses

Gestern sass eine junge Frau mit zwei Kindern auf “ meiner“ Kirchentreppe gegenüber vom Atelier. Da sich sonst niemand dort aufhielt, beherrschte sie die Szene. Während ich mit einem Grafitstift skizzierte, drängte sich ein vertrautes Bildmotiv wie eine Folie hinter meine Zeichnung. Dabei spielte die Zuwendung der Mutter zu den Kindern sicher eine zentrale Rolle. Durch eine Korrektur waren es inzwischen übrigens drei Kinder geworden: Das jüngste auf dem Schoß stehend und die beiden anderen davor. Ich versuche die Bildfolie zu benennen: In der Kulturgeschichte gab es die Urmütter, die im Christentum zur Madonna mutierte. Eines der Motive, das zigtausende von Bildern hervorgebracht hat. Eine zweite Spur ist die fürsorgende Liebe, die Caritas, die in der Regel auch das Bild einer jüngeren Frau mit mehreren Kindern ist. Inzwischen sind die bildbegründenden Wurzeln und Ursprünge dieser Personifikationen weitgehend abgestorben (die Krise der religiösenKunst). Aber wir haben diese Bilder im Kopf. Sie gehören nicht nur zu meinem, sondern zum kollektiven, kulturellen Gedächtnis.

 

Raffael, die sogen. Madonna Belvedere, 1506

Offensichtlich sind diese Bilder auch heute für künstlerische Aktivitäten von prägender , „subversiver“ Bedeutung. Allerdings ist es im Falle meiner Skizze hinterher sehr schwer zu klären, ob die Erinnerung der Auslöser war oder ob die sich erst während des Zeichnens entwickelte. Ebenso schwierig ist es festzustellen wieweit gar die fertige Zeichnung selbst motivisch und stilistisch  diesen diffusen Anmutungen ähnelt, also auf ein bestimmtes  historisches Werk Bezug nimmt. Auf jeden Fall war die Wahl des Grafit-Stifts nicht vom Motiv oder Vorbildern bestimmt, sondern allein vom Wunsch kräftig und rasch zu arbeiten.

Die Belegbeispiele für meine Argumentation habe ich erst dann herausgesucht, als mir die Idee zum blog-post gekommen war. Einmal entschlossen, schreckte ich dann auch nicht mehr vor der Nachbarschaft  des genialen Raffaels zurück.

Vergl. ähnliche Gedanken in Carola Dewors Kunst-Tagebuch „stiftefieber“

Künstler ?

 

„Frau mit roten Haaren“, Zinkblech, Lack: Versuch zur Befreiung des Bildes aus der Fläche…

…oder Spiel  mit Metallschere, Alublech und Lack?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich ein Künstler?  Früher hätte ich gesagt : So etwas zu behaupten ist „ziemlich abgefahren“. Für mich hatte der Begriff etwas Anmassendes.  Heute sehe ich das anders. Auslöser war ein Beitrag in Carola Dewors Blog “ Stiftefieber“,  in dem sie ihre Arbeit als Malerin betont von der Kunst absetzt. Übrigens ebenso wie David Hockney. Irgendetwas störte mich an dieser Zurückhaltung. Da ich ja immer wieder betone, dass ich meinen  Blog nicht schreibe um meine Arbeiten zu vermarkten, half mir die Auseinandersetzung mit dieser Position dabei, zu verstehen, warum ich schreibe. Wenn ich gelegentlich schnoddrig sage, dass ich das für mich mache, ist ein Körnchen Wahrheit drin. Ich sehe nach meinem Verständnis im Blog eine  Form Kunst zu erkunden und  zu produzieren. Dazu gehören praktische Beispiele und zugrundeliegende oder daran festgemachte Gedanken. Ich stelle also die für die Argumentation praktischen Beispiele aktuell her und greife je nach Bedarf auch auf frühere Arbeiten zurück. Damit konzipiere ich den Blog so, daß  er meinem Anspruch der engen Bild- Text-Verbindung genügt. Ob das nun ein Spiel mit der Kunst ist, wie Peter Prange meint oder ein hartnäckiges und begeistertes Forschen im Bereich Kunst, wie ich es selbst sehe, ist dabei unerheblich. Also doch eher Künstler? Ich denke schon und zwar weil es mir um die Kunst als Ganzes geht, jenseits ihrer Gattungen, Markt- und Nützlichkeitsüberlegungen.

Peter  Prange , „Homo ludens oder der Professor als Spielkind der Kunst“. Vorwort  zu Axel von Criegern, Meine Bilder. Tübingen (Wasmuth Verlag), 2009

 

2 iphone- Musen

2 iphone- Musen , 2017, My Brushes Zeichnung © AvC

An der Mündung Gartenstraße lehnen zwei junge Frauen entspannt an einer Mauer  und jede hat ein übergroßes iPhone oder MiniPad in der Hand. Heute ein gewohnter Anblick. Auffallend ist, daß jede auf einer Seite der  Gittertür lehnt, die zur  Burschenschaft „Germania“ führt. Synchron tippen sie in die Geräte. Ganz offensichtlich kommunizieren sie nicht miteinander und daß sie bei der Burschenschaft Einlass suchen, ist unwahrscheinlich. Auffallend ist auch, daß sie, wie zu einer Performance aufgestellt, beide in Richtung der belebten Kreuzung stehen.

Diese Choreografie ist es, die meinen Blick anzieht. Ihre Haltung ist ausgesprochen graziös und die elegante Bewegung führt von den lässig übereinander geschlagenen Beinen nach oben zu den schwarzen Geräte-Rechtecken. Ein stiller Moment in einem bemerkenswerten pas de deux.

Rückblickend denke ich, daß die Tür eine wichtige Rolle bei dieser „Performance“ spielte. Man nimmt die beiden Frauen gleichsam als Rahmenfiguren, die dem Eingang Gewicht geben, wahr. Diese Betonung verleiht dem Durchblick durch das Gitter etwas Geheimnisvolles. Beim Zeichnen entstand aus diesem Gefühl heraus die Figur eines alten Mannes in der Art der  antiken Philosophen, der brüchig und ein wenig geisterhaft in diesem Moment zwischen seinen Musen hervortreten könnte.

Der eigentliche Anreiz dieser Alltagsszene , das was sie für mich zum Motiv machte, war aber das Absurde. Zwei junge Frauen stehen selbstvergessen im hellen Sonnenlicht, völlig unbeeindruckt vom Verkehrstrubel und sind von diesen kleinen Rechtecken, über die ihre schlanken Finger huschen, völlig absorbiert. Jenseits ihrer eleganten Performance, jenseits aller künstlerischen und poetischen Anmutungen muss es eine Welt geben, die die  beiden in ihren Bann zieht, noch aufregender als… na ja, vielleicht ist es ja mein blog???!!!

Das Runde : Urzeit-Venus, Mode, Kunst?

AvC ,“Kugel-Muschel“, Fimo Basic, Aquarell, Tusche; 2017

 

1.)  Ich erinnere mich genau daran, wie ich meine Hände bebachtete. Sie formten die weisse Plastik-Masse ( Fimo Basic) ohne dass ich eine klare Idee gehabt hätte, in der Art einer Schale. Als diese Form zu deutlich wurde, drückte ich die Ränder zusammen, beachtete stärker die kugelige Muschelform und versuchte durch Dellen und Ausbeulen die Gesamtform lebendiger zu machen. Erst zwei Tage später, also heute, nachdem die kleine Plastik lederhart getrocknet war, kam die Farbe hinzu.              

AvC, Federzeichnung, 2017

2.) Mich interessiert dieser „drive“ zum Kugeligen und Runden, der bereits in Studienarbeiten des Zwanzigjährigen zu erkennen ist. Als Kind konnte ich kaum Bällen widerstehen und erinnere mich daran wie mich das Tennis – Spiel vor allem wegen der flauschigen Bälle anzog. Später träumte ich von einem Ball-Museum.   Beim Treiben vom Metall und Bildhauen kann ich mir aufgrund des Dialogs mit dem widerständigen Material solche Rundungs-Entstehungen einigermassen erklären. Das gilt aber nicht in vergleichbarer Weise für plastische Materialien wie das „Fimo“ oder gar für eine Zeichnung.

Venus vom Hohle Fels, ca. 40000v.C., H. knapp 6 cm Urgeschichtliches Museum Blaubeuren

 

Mammut und Wildpferd, Elfenbein, ca. 35.000v.C. Museum der Universität Tübingen( MUT)

 

3.)Vielleicht ist es zu „platt“, wenn ich in meiner -zugegeben altmodischen- Faszination von Frauen oder etwas mystischer vom Weiblichen schlechthin, eine Verbindung zu einer nicht zu leugnenden Vorliebe für runde Formen sehe. Immerhin hänselte meine Mutter den pubertierenden Künstler wegen dieser Neigung: „alles nur künstlerisch betrachtet!“

4.) Ohne dass ich einen direkten Zusammenhang zum besagten künstlerischen “ drive“ sehe, bieten die steinzeitlichen Frauenfigürchen interessantes Material.. Da dieselben Menschen zur selben Zeit in der Lage waren Tiere und einen „Löwenmann“ (Museum der Universität Tübingen) in realistischen Umrissen und Proportionen darzustellen, verband sich mit den voluminösen „Venus“- Figürchen aus Elfenbein (von Mammuts), wahrscheinlich die Vorstellung von Wohlgenährtsein und Fruchtbarkeit.Die Venus von Milo hätte sich bedankt!

5.) Vielleicht ist also die schmerzliche Erinnerung an unser Hungern am Ende und nach dem zweiten Weltkrieg eine Brücke zur wohlgenährten Rundung!?  Ebenso spekulativ , aber immerhin mit einem authentischen Hintergrund ist eine Erfahrung, die ich bei einem Manöver der Bundeswehr gemacht habe.  Im Winter 1959/60  mussten wir schlecht ausgerüstet bei bitterer Kälte im Schnee liegend  auf den „Feind“ warten. Irgenwann beginnt man in jedem Wacholderbusch einen Menschen zu sehen, der  sich vorsichtig heranschleicht. Kälte, Erschöpfung  und nicht eintreffende Verpflegung führten bei mir zu einer weiteren Haluzination: Ich träumte mit offenen Augen von Sahnetorte!!

6.) Auch das auf unserem Planeten offensichtlich vorkommende Mästen von Frauen, die Brustvergrösserungen, das Staunen angesichts von „Atombusen“ erinnern an den Mythos „Weiblichkeit“. Typisch für die Moderne scheint allerdings das Nebeneinander von Gegensätzen zu sein. So sind Bulemie und bauchnabelfrei zur Schau gestellte “ Scheinschwangerschaften“ nebeneinander zu sehe., Die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts  kannten „Twiggy“- Modelle neben Brigitte Bardot, Lollo Brigida und Marilyn Monroe.

7.) Angesichts der Mühe, die ich mir mache Argumente zu finden, kommen mir vermehrt Zweifel, ob das Ganze nicht ein Holzweg ist und zu psychologischen und gendrischen Fragen anstelle des künstlerischen Phänomens der runden Form führt. Nicht umsonst störe ich die Rundungen beim Arbeiten an einem bestimmten Punkt, weil Rundungen allein langweilig sind. Für die Kunst gilt: Das Weibliche entfaltet seine Wirkung nur vor dem Hintergrund des Männlichen, Yin und Yang gehören zusammen Wie sonst sollte ich mir erklären, dass ich bei aller Neigung zu rundlichen Formen vor einigen Bildern Mondrians in Ehrfurcht erstarre und mir eine Welt ohne Strukturen nicht vorstellen kann?! Schliesslich möchte ich meine eigenen geometrischen Versuche nicht als Unfug abtun.

AvC, Geometrischer Turm, 2015, Zinkblech, Metallack

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„life is your film“

Werbung für Jeans „POP 84“, Wandwerbung („Billboard“) ,Aufnahme des Verf.

„20  Lebensjahre “ Skizze für eine  nicht geplante  Dokumentation       Mitte der 1980er Jahre wurde eine Jeans-Werbung großformatig plakatiert mit dem auf alt gemachten Foto eines Paars in der Mitte und dem darüber lässig hingeworfenen, weißen Schriftzug „life is your film“.

Klar worauf das hinausläuft: fühle dich wichtig als Hauptdarsteller in einem Film, den du selbst produzierst. Nun ist das Thema Selbstinszenierung in Kunst und Literatur nicht neu, aber noch nie wurde man so unverblümt aufgefordert eine Medienperson zu sein: Kaufe unsere Jeans ‚POP 84‘ und du bist ein Filmheld. Lässt man einmal die dreiste Medien-Anspielung beiseite, stößt man auf einen besonders bei jungen Leuten hochsensiblen Punkt: man möchte wahrgenommen werden und am liebsten in seiner Einmaligkeit, der besonderen  Identität.

Eng damit verbunden ist die Frage nach der Wirkung auf andere. Auch diese Frage hat eine lange Geschichte. Man denke nur an Legenden und Bilder von Herrschern und Heiligen. Abgesehen von all dem hat jeder Mensch das Grundbedürfnis nach Klarheit über sich selbst. Wir arbeiten kontinuierlich an der Konstruktion unseres Bildes. Wie empfindlich wir hier sind, zeigt uns der Blick in ein Fotoalbum oder Fotobuch. Bilder spielen ein doppeltes Spiel. Sie sind Spiegel, in denen wir uns gern vorteilhaft sehen, und zwar so, wie wir gern gesehen würden.

Ich hatte neulich Lust darauf  probeweise die ersten zwanzig Jahre meines Lebens mit Hilfe kleiner Skizzen zu rekonsruieren. Dabei entstand ein Puzzle aus Situationen, Orten, Gegenständen, die mir nach 57 Jahren spontan einfielen. Etwas war auffallend : bis auf wenige Ausnahmen handelte es sich um bereits schon früher von mir aufgegriffene Situationen. Ohne das Ganze als ‚Film‘ zu verstehen, hatte ich offensichtlich immer wieder  einzelne Situationen bearbeitet. Völlig neu war nun die  Herausforderung eine ‚ stimmige ‚  Reihe zu entwickeln. Ich spürte ,wie das die größere Aufgabe war.  Es ging darum einen „Plot“für einen Film zu entwerfen, in dem sich zwanzig Jahre gelebten Lebens für mich überzeugend wiederfinden. Eine harte Nuss!!

Ich kenne dafür kein Beispiel, aber für einen solchen Plot kann man Fotos, Filmausschnitte, Schrift, Interviews, Musik, zeitgeschichtliche Dokumente, Perspektivenwechsel, verwenden. In jedem Fall ist aber die Skizze als Vorarbeit wichtig. Ich kann mir vorstellen, dass das Spiel mit Medien die Versuchung zur Manipulation erhöhen. Muss nicht sein- jedes Leben ist an sich schon ein spannender Film. Das macht einem die Beschäftigung mit dem Entwurf des eigenen Lebensfilm überdeutlich!

Abb. aus Axel von Criegern, „Die unsichtbare Fotografie oder die Ikonografie des Unbewussten.“ In: Wick, Rainer (Hg), Fotografie und Ästetische Erziehung, München 1992, S. 71-82.

Bebenhausen

 

„Geistliche Musik in der Klosterkirche; Sonntag, 9.Juli 2017: „Von Bach bis   Brasilien“  Werke von Bach, Villa-Lobos u.a.  Mateus Dela Fonte (Gitarre),

Manfred Harm (Liturg)

Das Kloster Bebenhausen ‚ vor den Toren Tübingens‘ ist zum Glück in seiner Expansion früh gebremst worden und ist für mich ein Ort tiefen Friedens. Es könnte auch der Ort für eine Reihe von romantischen Kloster- Romanen in der Nachfolge von Umberto Ecos „Der Name der Rose “ sein: An Stelle der Benediktiner waren es hier die Zisterzienser. Ein bisschen von deren strengen Ordensregel meint man noch zu spüren. Sichtbar ist die für ihre Schlichtheit und Präzision berühmte Baukunst. Der als Zugeständnis gedachte Dachreiter der Klosterkirche  ist hier allerdings zu Beginn des  14.Jahrhunderts zu einem betörend eleganten und leichten Vierungsturm mutiert und das ebenfalls zu dieser Zeit entstandene Westfenster hat mit Strenge nichts mehr zu tun. Und überhaupt war der ehemals  asketische Reformorden längst wohlhabend und auch mächtig geworden. Eine Zeitlang soll ihm sogar die Stadt Tübingen gehört haben.

Ein Gitarrenkonzert vor vierzehn Tagen lockte mich und meine Frau ins Kloster. Wir bummelten gemütlich unter der Wehrmauer zum Fischteich, hinauf zum Wehrgang, Friedhof  und ins Kräutergärtlein. Für mich ist es immer wieder ein merkwürdiges Gefühl das amputierte Langhaus zu betreten .Ich ergänze in Gedanken die in der Reformation abgerissenen Joche und versuche mir den eindrucksvollen romanischen Bau vorzustellen. Wir fanden Sitzplätze in der Mitte mit Blick auf die herzerfrischend rustikale und stark farbig gefasste Kanzel im Stil der deutschen Renaissance. Ich fand es spannend, über uns einen romanischen ‚Klötzchen-Fries‘ zu entdecken, der vor der Kanzel abbrach, um dann doch mit wesentlich größeren Holz-Klötzchen unter der Brüstung der Kanzel weitergeführt zu werden.  Wie weit das bewusst gestaltet wurde oder, nicht spielte für mich in dem Moment keine große Rolle für mich.(Skizze 1).

Inzwischen betrat ein junger Mann mit seiner Gitarre durchs Seitenschiff aus Richtung des Kreuzgangs die Kirche und nahm vor uns Besuchern auf seinem Stuhl Platz. Natürlich hatte er für seinen linken Fuß die übliche Stütze dabei (das zum Verständnis der Skizzen).  Seitdem ich den alten Segovia im Konzert erlebt habe und nach früher Flamenco-Begeisterung habe ich eine große Liebe zu diesem Instrument. Von meiner Musikalität würde ich behaupten, daß sie als Freude da ist, als Kennerschaft aber nicht. Drei qualvolle Jahre Violinunterricht waren keine gute Basis. Aber jeder musikähnliche Lärm zieht mich magisch an. Jedenfalls war ich hin und weg und war mit einem kleineren Teil des Publikums, das verhalten zu klatschen begann, beleidigt, als ein ernster Mann von schräg oben hinter dem Musiker darum bat, bis zum Ende der Veranstaltung nicht mehr zu applaudieren. Das war der Liturg. Zugegebenerweise habe ich noch nie von einem solchen gehört. Aber es war ja „Geistliche Musik“ angekündigt. Was er las, waren Psalmen und vertraute Texte. Stellenweise schien es mir, als wenn die leidenschaftlichen, spanischen und brasilianischen Rhytmen und Läufe geradezu die fromme  Feierlichkeit unterwanderten. In der Skizze 2  habe ich versucht, der von mir empfundenen Diskrepanz angemessen dezent Ausdruck zu verleihen. Das Schlussstück von Joao Pernambuco und die Zugabe vor dem großen Chorfenster mit seinem eleganten Maßwerk (Skizze 3) erhoben sich wunderbar unverschämt über die protestantisch-zisterzensische Askese und verschafften mir ein seltenes synästhetisches Erlebnis. Ich mag es eben, wenn es in der „Kultur“ knistert, Risse und Widersprühe erlebbar werden.

 

 

„Wenn mans kann…“

„Gotischer Faltenwurf“ (Arbeitstitel), H. 25 cm, Buchsbaum

In ihrem Kunstblog (stiftefieber.blogspot.de) zitiert Carola Dewor den wunderbar lapidaren Satz David  Hockneys „Ich bin Maler. Ich mache Bilder. Das ist etwas anderes als Kunst.“ Letztlich gilt das auch für die Bildhauerei. Angesichts der Herausforderung  eines unsäglich harten Stücks Buchsbaum kommen mir allerdings Zweifel. Endlich meine ich bei dieser meditativen Arbeit einer Antwort auf die Frage näher zu kommen, die mich seit meiner Jugend, durch das Kunststudium und durch kunstwissenschaftliche und didaktische Forschungen hindurch umgetrieben hat: die Frage nach der Kunst. Sie wird mir hier „be-greifbar“. Ich lerne nach Pestalozzi mit „Kopf, Herz und Hand“ was Kunst ist. Definieren kann ich es nicht. Sie entwickelt sich offensichtlich in der vielfältigen Auseinandersetzung mit dem Material- oder eben nicht. Angesichts dieser Erkenntnis erfüllt mich die Weisheit Nestroys oder Valentins mit ausgelassener Freude:  wenn mans kann, ist es keine Kunst und wenn mans nicht kann auch nicht!

Gitter und Perspektive

Gitter als  Hilfsmittel perspektivischer Darstellung und Gitter als künstlerisches Motiv

Blatt mit Notizen zum Thema 

Zur unverzerrten Konstruktion und Darstellung der Zentralperspektive war das Quadrat-Gitter notwendig. Es war ‚die‘ Erfindung der Renaissance. Nur so gelang es Verkürzungen von Körpern und Räumen in die Fläche zu projizieren.

Mit der Erfindung der Fotografie (patentiert 1839) war dieses Unternehmen beendet. Für die Künstler war eine andere Eigenschaft der Fotografie beeindruckend : ihre Unbestechlichkeit. Sie hält neutral alle vor ihrem Objektiv erscheinenden Einzelheiten fest. Perspektive und Projektion waren aus dem Zentrum der Kunst gerückt; Gegenständlichkeit bekam eine neue Qualität und Bedeutung und mit ihnen das Bild als Objekt. Einprägsam ist Picassos Aussage, dass er bei Porträts Nasen in ihren wirklichen Abmessungen darstellen wolle. Auf dieser Ebene bekam das Gitter neue künstlerische, aber auch naturwissenschaftliche Bedeutung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es zur Matrix der Kunst- und Architektur-Richtungen „De Stijl“ und „Bauhaus“(gegründet  1919). Das Gitter selbst wurde zum Kristallisations-Ansatz und Ordnungssystem aller möglichen Formen von Gestaltung.

AvC, „Da ist Leben im Gitter“, 2017; Aquarell, Feder, Tusche, 27×37 cm

Für mich ist das ungeheuer spannend. Kunst ereignet sich im Spiel mit diesem Ordnungssystem. Davon war ich offensichtlich schon vor dem  Kunststudium überzeugt. Bereits im ersten Semester kam es zum Streit mit dem Professor, der beim Zeichnen vor der Natur auf der Zentralperspektive bestand. Meine Nerven zogen den Kürzeren und ich unterbrach das Studium für zwei Jahre.

„Siebzehn Jahr…“

AvC, „Sehnsucht „, 59×46 cm, Öl auf Hartfaserplatte. Sign „. AXEL 56“

Ich stöbere im Keller, suche eigentlich etwas ganz anderes und stolpere über ein völlig verschmutztes Gemälde. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Leider kein Rembrandt, aber unzweifelhaft ein früher Criegern. Ein Zeitsprung von 61 Jahren. Was war 1956? Meine Schulstadt Göppingen war Maschinenbau-Stadt. Wir Jungkünstler waren ein überschaubares Häuflein. Klaus Heider war der älteste und kam aus einer ausgeprägt künstlerischen Familie. Wir anderen, einschließlich meinem ein Jahr älteren Schulfreund Fritz Weigle, der als F.W. Bernstein Karriere machte, kamen aus einem bürgerlichen Milieu. Mir gings in der Schule nicht schlecht. Ich bekam ein eigenes Atelier über der Feuerwehr gegenüber, das ich dann allerdings, weil mich der Mathelehrer, der zudem Rektoratsassistent war, mit einem Mädchen, vielleicht mit der Schönen auf dem Bild dort erwischte, schnell wieder verlor. Über einen wunderbaren älteren Maler, Helmut Baumann, den es nach Göppingen verschlagen hatte und der bei der VHS einen Kurs anbot, kam ich mit der klassischen Moderne Frankreichs in Berührung. Mit Abstand der Jüngste verehrte ich ihn als Botschafter der großen Kunst. Immer in schwarzem Anzug mit Weste, leicht mit Farbe bekleckert, mit Stapeln von Leinwand und Malpappe kehrte er Ende des Sommers aus der Provence zurück. Auch die Tanzstunde muss in dieses Jahr gefallen sein. Mädchen- Erfahrungen, bescheidene sportliche Erfolge und die französische, besser die Pariser Kultur stützten den Jungen-Alltag. Solche gestreckten Figuren wie auf meinem Bild waren durch Modigliani, Bernard Buffet, einen ziemlich vergessenen Maler, aber auch Matisse u.a. „en vogue“. Es war aber auch die Zeit der „tristesse“, des Chanson, Sartres. Davon spricht die in sich gekehrte Haltung der jungen Frau auf dem Bild.  17 Jahre alt zu sein, war nie einfach.

Resteverwertung, Wiederverwertung

Das kann beim Bildhauen passieren: Bei dieser Arbeit an einem Robinien-Stamm („Akazie“) entstanden in der oberen Hälfte zwei Formen  nebeneinander, die beide durch große „Ösen“ sehr ähnlich waren. Zu ähnlich um sie so zu belassen. Beim Weiterarbeiten schlug ich aus Versehen die linke Form ab. Ein Vorteil war, dass jetzt die größere Kopfform dahinter klarer zu sehen war. Ich bildete mir ein, dadurch auch das Thema „Flüchtlinge “ deutlicher zu machen.

 

Das abgeschlagene Stück lag auf dem Atelier-Tisch neben meinen Zeichensachen. Gelegentlich, wenn mein Blick darauf fiel, hatte ich schon überlegt, ob ich daraus nicht eine kleine, selbständige Arbeit machen könnte. Aus irgendeinem Anlass begann ich vergangene Woche das Stück weiter zu bearbeiten. So wurde aus dem Abfall ein behelmter Kopf, den ich insgeheim „Hoplit“, nach den schwer bewaffneten griechischen Kämpfern, nannte.

Das Thema ist viel umfassender als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Historisch ging es dabei weniger um Reste als um Material-Knappheit. Abgeschabte und wieder  beschriebene Pergamentseiten, sogenannte „Palimpseste“  stehen dafür ebenso wie wieder verwendete Leinwände in späteren Zeiten. Bei letzteren war allerdings häufig die persönliche Mangelsituation  einzelner Künstler die Ursache. Eine ganz  andere  Form des „Recyclings “ kam mit der Moderne auf. Das begann mit Collagen , Assemblagen und erreichte mit  den Ready mades und Duchamps  berühmten Urinoir  einen radikalen Punkt. Dem „Recycling“ im Sinne der Abfall-Wirtschaft  kommt  heute die  Müll verwendende Kunst,“Müllkunst“, mit  Skulpturen und Assemblagen nahe.