„Clash of the cultures“ or simply ignorance??

Sechseckige Bodenfliesen als Würfelmuster verlegt. Beginn 20.Jh. Unten :Original , oben: Neuverlegung

English summary

It was a real ´clash of the cultures´ when I asked a turkish mason to repair a  cube pattern tile floor in our italian home. He didn´t copy the intact model of a neighbouring room, as I have told him, but ´invented´a complete new design. I was so upset that I couldn´t see the flowers, that he had created. Years later , after studying the art of islam, I ask myself whether only the worker was ignorant or me too. Shure he was ignorant, because he didn´t do what I had asked and payed  him for . But he was creative and  may be that as a moslem was convinced to do his very best in an islamic tradition. However, somehow I  feel sorry to have offended  him this way.

Ich werde die schreckliche Szene in Italien nie vergessen. Nach fast 100Jahren war der Zementgrund, auf dem die sechseckigen, in einem faszinierenden Würfelmuster verlegten Bodenfliesen lagen, mürbe geworden und schwammen wie Eisschollen. Ein türkischer Maurer, mit dem wir schon gute Erfahrungen  gemacht hatten, sollte die einzelnen Fliesen herausnehmen, reinigen und neu verlegen. Er und sein Gehilfe sollten sich dabei am Fusssboden des Nebenraumes, der noch stabil war, orientieren ( Bild 2). Als ich nach einiger Zeit hereinschaute, ´traf mich der Schlag´. Ich stieß wohl einen derart gellenden Schrei aus, daß meine Frau herbeistürzte. Ich sah nur Chaos. Als ich den Maurer samt Gehilfen noch einmal zum korrekten Beispiel hinüberzerrte und lautstark auf den Fehler aufmerksam machte, war er offensichtlich beleidigt. Sie hätten sich sehr viel Mühe gegeben um ein schönes Blumenmuster zu legen!!! Aber bitte, gegen einen Aufpreis von € 200.- könnten sie neu verlegen. Da wir fürchteten, daß dabei weitere der alten Fliesen, von denen wir einige erst nach langer Suche bei einem Trödler entdeckt hatten, brechen würden, haben wir zähneknirschend abgelehnt. Mich beschäftigte weiter, daß bei meinen Maurern von Schuldbewußtsein keine Spur zu entdecken war. Was war da eigentlich passiert? Beim Studium der islamischen Kunst aus anderem Anlaß kam mir eine Idee, die ich mich kaum zuzulassen wagte. Natürlich war mein Maurer Moslim ( auf italienisch so schön“ musulmano“) und in der islamischen Kunst spielen Ornamente bekanntermaßen eine zentrale Rolle. Sie sind mathematisch begründete Gleichnisse der göttlichen Harmonie und Wahrheit. Die italienische Erfindung der mathematischen Perspektive, die in engem Zusammenhang mit der arabisch-islamischen Entdeckung der Optik stand, zielte auf anderes., konkreteres. Der Mensch schuf sich mit diesen Hilfsmitteln sein Bild der Welt einschließlich Gott und der gesamten Schöpfung. Für den Islam schlicht Gotteslästerung. Sollte der Maurer, der aus einem kleinen anatolischen Dorf stammte, meines Wissens keine Schule besucht und das Mauern weitgehend autodidaktisch gelernt hatte, in diesem Sinne islamisch geprägt sein? Wie auch immer, jetzt überprüfte ich mit großem zeitlichen Abstand die Sache mit dem Blumenmuster und entdeckte (Bild 3) daß die schwarzen Rauten als ´Körbe´ von Blüten gelegt waren. Die beiden hatten sich große Mühe gegeben. Das bemerkte ich beim Analysieren des Vorgangs. Streng genommen konnte das Muster nicht ´aufgehen´. Auf meinem fotografischen Ausschnitt kann ich zumindestens eine Fliese nicht zuordnen. Gut, der Sachverhalt, daß die beiden meine Anweisung, sich an die Vorlage zu halten, mißachtet hatten, bleibt unbestreitbar stehen. Und natürlich kannte die islamische Ornament- Geometrie auch Würfelkonstruktionen. Allerdings fand ich nur Beispiele, bei denen die Würfel entweder Ausgangspunkt oder Zwischenstadium komplexerer Figuren waren. Demgegenüber wirken Ornamente a la Vasarely oder Escher doch ziemlich vordergründig und plump. Jedenfalls sehe ich jetzt eher, daß die beiden Maurer ebenfalls ein unangenehmes Erlebnis hatten, das ihnen das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen auf ihre Weise vor Augen führte. Und daß ich bei allem Respekt, den sie mir entgegenbrachten, aus ihrer Sicht der eigentlich Ignorant war, muß ich wohl auch nachträglich noch schlucken.

Der Titel „clash of the cultures“ ist ursprünglich politisch gemeint und wird von mir hier als anschauliches Bild zitiert: Vergl.  Huntington,Samuel: clash of the cultures, 1996. Sehr spannend zu lesen Belting, Hans: Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks. München, 2008.

 

 

Panta rhei- alles fließt

Verlöschen und verändertes Wieder-Entstehen einer Pinselzeichnung . Foto-Stills eines Zeichenvorgangs auf dem sogen. ‚ Buddha Board‘ . ©avc 2017

1.)“Alles fliesst“ meinte der zu den Vorsokratikern (um 500 v.Chr.)  gerechnte Philosoph Heraklit und meinte damit  nicht nur Wasser.. Ein zweites Zitat finde ich noch plastischer:: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

2.) Mein Sohn hatte mir ein “ Buddha Board“ geschenkt. Das ist ein teuer und fernöstlich daherkommendes Schreib- und Zeichenbrett. Es ist eine Variante des immer wieder faszinierenden Phänomens der verschwindenden , geheimen Schriften, die wie von Geisterhand geschrieben wieder sichtbar werden  oder jene kleinen Zaubertafeln, die man beschreibt oder bezeichnet, und die beim Herausziehen aus ihrem Rahmen gelöscht werden. Das Buddha Board besteht aus einer Art stark saugendem Papier, das auf einer schwarzen Fläche aufgezogen ist. Man trägt mit dem Pinsel klares Wasser auf. Der schwarze Grund schlägt an den nassen Stellen durch. Je mehr Wasser, je dunkler.  Mit dem Verdunsten des  Wasser,s verschwindet die Zeichnung.

3.) Ich habe mich dem Brett wie einem schönen, neuen Spiel genähert und probiert. Es ist schon faszinierend wie die Zeichen, kaum geschrieben oder gezeichnet, heller werden und irgendwann ganz verschwinden. Durch die Tiefe, das unbekannte Woher und Wohin hat das schon etwas sehr geheimnisvolles. Es  erinnert an die nassen Fussspuren auf heissen Steinen,. Aber auch an weniger spaßige Geschichten wie die Sisyphos-Mühen, weil man gelungene Ergebnisse nicht festhalten kann oder das  an der Wand erscheinende „Menetekel“ am Hof Belsazars.

4.) Interessant ist die Anleitung zum Gebrauch der Tafel, die die Zen- Philosophie bemüht und das Entstehen und Vergehen als Meditationshilfe empfiehlt. Ich ging weniger meditativ als experimentierend an die Sache heran. Es war sehr spannend für einen Moment eine grafische Qualität zu entdecken, die dann wieder entglitt und gleichzeitig  dazu reizte, das verblassende Bild weiter zu malen. Das war wie auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Und mit Heraklit : auch eine Fotografie kann den  Verfall  des Bildes nicht aufhalten.

5.) Aber wir können etwas viel wichtigeres  lernen, nämlich jeden Zustand einer Arbeit als möglichen letzten zu betrachten. Die heute so gern beschworene „Achtsamkeit “ hat bei der Kunstproktion den Vorteil sich an sinnlich wahrnehmbaren Beständen festhalten zu können. Was ich mir noch zusätzlich davon verspreche, ist schon eine Art von „‚Zen- Effekt‘- man bleibt mehr bei der Sache, d.h. der Kunst.

Trying a ‚ Buddah Board‘  I thought of Heraklit ( about 500 B.C.)  and his “ Panta rhei“ , everything is floating , or  “ you can’t step twice in the same river.“ You can do a brushstroke with clear water on that board  only  once;  because  with the  drying water it fades away unstoppably. What I learned from this experience is to be more aware of  what  is  happening  with a sheet of paper , canvas, metal, wood through  when  I work and -respect  every step. It does not mean control  or evaluating, but living in it, feeling it. I guess that we all have experienced  what a single brushstroke , one single hit with the hammer can waste . Too often are we ruled by  models, fashions, main stream looks.  Sounds  morally and it  is -in the name of art. 

„Malerisch, picturesque“

„Strand“, Tuschestift, September 2017, ©avc

1.) Meine Gedanken zu diesem Beitrag wurden durch eine morgendliche Beobachtung am Strand ausgelöst. Das silbrige Licht auf dem Meer und der leicht dunstige Himmel lösten die Lust zu einer Skizze aus. Warum? Das war kein spektakuläres Motiv , aber es hatte etwas, das sich beim entspannten Sehen immer mehr mit Erinnerungen an silberlichtige Landschaftsbilder von Claude Lorrain , Romantiker, plein air bis zu den Impressionisten füllte. Unter diesem Eindruck versuchte ich mit leicht gestrichenen waagrechten Linien einen silbrigen, atmosphärischen Grund zu legen. Der Rest waren dann vertikale  grafische Akzente. Diese Beobachtung ließ mir keine Ruhe. Plötzlich sah ich in einer Gruppe älterer Frauen, die in lebhaftem Gespräch bis zu den Waden im Wasser standen eine Gruppe von Rodin a la „Die Bürger von Calais“.

„Zeus“, Tuschestift, September 2007 ©avc

2.) Später entdeckte ich unter den alten Fischerbooten eines, das mir „gefiel“. Warum? Da war die zweiflügelige Lamellen-Kajütentür , Seile Netze, Geräte. Das sah nach Abenteuer aus und dann entdeckte ich auch noch am Heck in Großbuchstaben den Namen “ ZEUS“ – wenn das kein Motiv war.

„Maria trocknet das Kind ab.“ Tuschestift, September 2017, © avc

3.) Jetzt war sozusagen mein “ Jagdinstinkt“ , um ein etwas schiefes Bild zu verwenden, geweckt. Gestern Abend, als der Strandbetrieb so langsam zu Ende ging, sah ich neben mir die schöne „Maria „im Bikini ihren Knaben, den sie vor sich auf einen Stein gestellt hatte, abtrocknen. Auch hier war es so, dass nach einer ersten Anmutung “ Madonna badet Jesuskind “ , dieses Motiv sich immer stärker von der Folie der Figuren im Hintergrund  ablöste und dominant wurde.

Beim Versuch dieses Phänomen irgendwie in der Ästhetik aufzuspüren, erinnerte ich mich an Goethes „Weimarer Preisausschreiben “ , in dem alljährlich die deutschen Künstler aufgefordert waren , sich mit einer vorgegebenen Stelle aus der antiken Literatur auseinanderzusetzen. Dabei waren die Bewertungskriterien eng an die klassizistische Kunst angelehnt. Das ist zwar keine Erklärung für meine Beobachtungen, aber vielleicht eine Spur, der man folgen könnte. Welche Rolle spielt z.B. die Literatur bei der  Motiv-Bildung?

Vergl. von Criegern, Axel, “ Ferdinand Hartmann ,Hans Heinrich Meyer, der Geheimrat Goethe und wir-Anmerkungen zu den Weimarer Preisaufgaben.“ In: Schiementz, Walter und Beilharz, R. (Hg.) Ins Bild gesetzt. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1995.

When I chose the title „malerisch, picturesque“ it was a little ironically , because I couldn ‚t  find words for „what’s behind an artistic motive“?  Doing some experiments I found out that the very first thing before drawing a line is a vision of a motive. Things that have already been performed earlier. Not particular works of art, architecture, theater, performing arts or even literature, but a blend of allusions. And when I start working, these memories become more and more materialized,  they become the subject of what is there growing as “ art“.

„Hafners Tisch“

„Hafners Tisch“, 1985, Mahagoni,H. 200cm ©AvC , links eine Holzskulptur von Ugge Bärtle (Foto Ralf Ehmann)

Eigentlich hat die Geschichte gar nichts mit Kunst zu tun. 1984 besuchte ich einmal wieder unseren älteren Kollegen „Ugge“ Bärtle ( 1917- 1990) in seinem Atelier. Wir sprachen über seine Holzskulpturen und sein Lieblingswerkzeug, das flache Zimmermanns-Beil. Wahrscheinlich habe ich gesagt, dass ich auch gern mal ein größeres Stück Holz bearbeiten würde. Jedenfalls wies er auf eine ziemlich lange „Schwarte“ Mahagoni und meinte lässig, die könnte ich haben. Um ehrlich zu sein: ich traute meinen Ohren kaum und fragte auch nicht weiter nach. Stattdessen begann ich noch an Ort und Stelle das gute Stück mit dem Zimmermanns-Beil zu bearbeiten. Später holte ich die angefangene Skulptur zu uns und arbeitete hinter dem Haus weiter. Was tun mit dem 2 Meter- Trümmer?  Ich stellte ihn unter eine vorspringende Ecke neben der Atelier auf. 32 Jahre Witterung hält er nun schon aus. Es war Zufall, dass wir just in dem Moment den Gründungsvorsitzenden unseres Künstlerbundes, Kurt Hafner, seines Zeichens Direktor der AOK Tübingen, zum Aperitif eingeladen haben.  Ugge gehörte übrigens  ebenfalls zu den Gründungsvätern. Als Kurt die Skulptur vor dem Haus sah, stutzte er , äusserte sich anerkennend und fragte, woher ich das auffallend schöne Stück Mahagoni hätte. Wahrheitsgemäß erzählte ich ihm die Geschichte. Da veränderte sich seine Stimmung zusehends, einer seiner cholerischen Ausbrüche war zu befürchten. Er beherrschte sich mühsam, dann brach es doch aus ihm heraus: „Des isch mei Tisch!!“ Und er erzählte seine Geschichte: Er hatte von jemandem das Holz günstig  (umsonst?) bekommen und Ugge mit dem Wunsch gebracht, ihm einen Tisch daraus zu machen. Ich kann mir gut vorstellen, wie es Ugge bei diesem ‚ehrenvollen ‚Auftrag zu Mute war. Ab einem bestimmten Punkt ist schon der Gedanke an so eine Sache lästig. Da kam nun dieser junge Kollege, und mit ihm die einmalige Chance, sich dieser Pflicht zu entledigen. Ich denke dass das nicht überinterpretiert ist. Und es spricht Bände über einen  Künstlertyp, der ausgestorben ist. Ugge war noch nach Bildhauerlehre und Meisterschüler-Zeit von Tübingen bis nach Süditalien  zu Fuß gewandert. Künstler-Freundschaft und Solidarität waren ihm wichtig. Den Auftrag ablehnen konnte er nicht, aber sozial und künstlerisch umzuleiten, war verträglich. Ich wusste ja gar nicht, welche Rolle ich bei der Lösung dieses Loyalitätskonfliktes gespielt hatte. Danke Ugge.

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Play art, play interface?

Das 

Egal mit welchem Programm und welchem Bildschirm,  immer stellt sich bei mir diese Spiel-Lust ein ! Was ich feststelle ist, dass ich vor einer konventionellen Malfläche diese freudige Unbekümmertheit nicht erlebe. Vor einer Zeichenfläche fühle ich mich zwar sicherer als vor einer Malfläche,aber auch hier spüre ich Hemmungen. Also muss ich mich fragen,was es mit dem Bildschirm besonderes auf sich hat.

Für mich ist es immer das Gefühl des „Gegenüber“, des anderen, mit dem ich kommunizieren kann. Aus der Einheit von Mittel und Träger  ergibt sich das Spiel. Und ich bin der Spieler!  Ich verschiebe Pixel, nehme sie wieder heraus, lasse mit einem Klick die Fläche füllen. Geht etwas schief, mache ich es rückgängig. Ich bin nicht nur Spieler, sondern auch Beobachter. Dinge entstehen, wachsen außerhalb von mir. Bei mir liegt es zu beurteilen, zu staunen, einen Schritt zurück zu gehen, zu verwerfen. Wahrscheinlich geht es um das  Interface zwischen Maschine und Menschenhirn in einer individuellen Ausprägung. Ich wünsche mir sehr dieses Interface-Bewusstsein auf meine gesamte Kunst-Tätigkeit ausweiten zu können!

Siehe auch art77blog vom 29.Juni,2017  “ Computer, Pixel und die Welt aus Zeichen „.

I cannot help, drawing on a computer screen is like playing a free style computer game. I simply love it!

Späte Sympathie für Giovanni Segantini

Skizzenbuch des Verfassers

Als ich neulich zum ersten Mal im Museum Segantini in St. Moritz war, verstand ich, warum dieser bedeutende Künstler in ‚meiner ‚ Kunstgeschichte keinen würdigen Platz bekommen hatte. Es ist seine Feierlichkeit, die so gar nicht in meine Spielwelt passt. Der Museumsbesuch war erhellend .  Wie vielen Zeitgenossen war auch für den 1858 geborenen Segantini die Ästhetik des Lichts die große Herausforderung .Darin ist er den Pointillisten und Nachimpressionisten verwandt. Aber es geht ihm nicht um optische Phänomene sondern um das Feiern des innigen Verhältnisses von Licht und Natur. Dazu kommt ein Propheten- Habitus, der sich in symbolistischen Verformungen und in der demonstrativen Nebenrolle der Figuren äußert. Seine eigentliche Symbolkraft stecken im gemalten Grashalm, im Felsblock, oder in Schaf, Kuh und Himmel. Das wird einem vollends klar wenn man in die Rotunde hinaufsteigt und sich dem starken Triptychon, das den Kern eines geplanten siebenteiligen Zyklus bildet, gegenüber sieht. Die Natur selbst wird zur Passion. Die Menschen sind Rollenträger und sollen zur Demut vor Natur und Schöpfung aufrufen.

Im Fall seines frühen Todes bekam Segantinis Neigung zum Eremiten etwas Makabres. Er hatte sich auf dem Schafberg oberhalb von Pontresina in einer Hütte ein Atelier eingerichtet und arbeitete dort in aller Abgeschiedenheit an besagtem Triptychon. Als er Leibschmerzen verspürte, konnte er nicht wissen,   dass sich damit ein Darm- Durchbruch ankündigte. Niemand konnte ihm dort oben zu Hilfe kommen, selbst ein befreundeter Arzt nicht und so starb er mit 40 Jahren hoch geschätzt in seinen Bergen. Auch der jüngere Freund Giovanni Giacometti stieg zur Hütte auf, konnte aber letztlich nur noch den Toten porträtieren.

Als wir am Tag  nach dem Museumsbesuch über den Bernina-Pass weiter in den Süden fuhren und das Weiß des ewigen Schnees in „seinem“ blauen Himmel explodieren sahen,  konnte ich für einen Moment das Segantini-Feeling spüren . Die englische Sprache kennt dafür das schöne alte Wort „awsome“.Von der nicht zu bändigenden Macht dieser Natur bekamen wir auch noch etwas mit. Drüben, ein paar Kilometer weiter, in Richtung Maloja, wo Segantini sein eigentliches Atelier hatte, dessen Rotunde in dem Museumsbau zitiert wird, war in der Nacht zuvor eine gewaltige Geröll-Lawine ins Tal abgegangen, hatte die Strasse verschüttet und Menschen in den Tod gerissen.

Giovanni Segantini auf dem Totenbett. Gemälde von Giovanni Giacometti (screenshot von wikipedia).

 

Caritas und Madonna- die Allgegenwärtigkeit unseres kulturellen Gedächtnisses

Gestern sass eine junge Frau mit zwei Kindern auf “ meiner“ Kirchentreppe gegenüber vom Atelier. Da sich sonst niemand dort aufhielt, beherrschte sie die Szene. Während ich mit einem Grafitstift skizzierte, drängte sich ein vertrautes Bildmotiv wie eine Folie hinter meine Zeichnung. Dabei spielte die Zuwendung der Mutter zu den Kindern sicher eine zentrale Rolle. Durch eine Korrektur waren es inzwischen übrigens drei Kinder geworden: Das jüngste auf dem Schoß stehend und die beiden anderen davor. Ich versuche die Bildfolie zu benennen: In der Kulturgeschichte gab es die Urmütter, die im Christentum zur Madonna mutierte. Eines der Motive, das zigtausende von Bildern hervorgebracht hat. Eine zweite Spur ist die fürsorgende Liebe, die Caritas, die in der Regel auch das Bild einer jüngeren Frau mit mehreren Kindern ist. Inzwischen sind die bildbegründenden Wurzeln und Ursprünge dieser Personifikationen weitgehend abgestorben (die Krise der religiösenKunst). Aber wir haben diese Bilder im Kopf. Sie gehören nicht nur zu meinem, sondern zum kollektiven, kulturellen Gedächtnis.

 

Raffael, die sogen. Madonna Belvedere, 1506

Offensichtlich sind diese Bilder auch heute für künstlerische Aktivitäten von prägender , „subversiver“ Bedeutung. Allerdings ist es im Falle meiner Skizze hinterher sehr schwer zu klären, ob die Erinnerung der Auslöser war oder ob die sich erst während des Zeichnens entwickelte. Ebenso schwierig ist es festzustellen wieweit gar die fertige Zeichnung selbst motivisch und stilistisch  diesen diffusen Anmutungen ähnelt, also auf ein bestimmtes  historisches Werk Bezug nimmt. Auf jeden Fall war die Wahl des Grafit-Stifts nicht vom Motiv oder Vorbildern bestimmt, sondern allein vom Wunsch kräftig und rasch zu arbeiten.

Die Belegbeispiele für meine Argumentation habe ich erst dann herausgesucht, als mir die Idee zum blog-post gekommen war. Einmal entschlossen, schreckte ich dann auch nicht mehr vor der Nachbarschaft  des genialen Raffaels zurück.

Vergl. ähnliche Gedanken in Carola Dewors Kunst-Tagebuch „stiftefieber“

Künstler ?

 

„Frau mit roten Haaren“, Zinkblech, Lack: Versuch zur Befreiung des Bildes aus der Fläche…

…oder Spiel  mit Metallschere, Alublech und Lack?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich ein Künstler?  Früher hätte ich gesagt : So etwas zu behaupten ist „ziemlich abgefahren“. Für mich hatte der Begriff etwas Anmassendes.  Heute sehe ich das anders. Auslöser war ein Beitrag in Carola Dewors Blog “ Stiftefieber“,  in dem sie ihre Arbeit als Malerin betont von der Kunst absetzt. Übrigens ebenso wie David Hockney. Irgendetwas störte mich an dieser Zurückhaltung. Da ich ja immer wieder betone, dass ich meinen  Blog nicht schreibe um meine Arbeiten zu vermarkten, half mir die Auseinandersetzung mit dieser Position dabei, zu verstehen, warum ich schreibe. Wenn ich gelegentlich schnoddrig sage, dass ich das für mich mache, ist ein Körnchen Wahrheit drin. Ich sehe nach meinem Verständnis im Blog eine  Form Kunst zu erkunden und  zu produzieren. Dazu gehören praktische Beispiele und zugrundeliegende oder daran festgemachte Gedanken. Ich stelle also die für die Argumentation praktischen Beispiele aktuell her und greife je nach Bedarf auch auf frühere Arbeiten zurück. Damit konzipiere ich den Blog so, daß  er meinem Anspruch der engen Bild- Text-Verbindung genügt. Ob das nun ein Spiel mit der Kunst ist, wie Peter Prange meint oder ein hartnäckiges und begeistertes Forschen im Bereich Kunst, wie ich es selbst sehe, ist dabei unerheblich. Also doch eher Künstler? Ich denke schon und zwar weil es mir um die Kunst als Ganzes geht, jenseits ihrer Gattungen, Markt- und Nützlichkeitsüberlegungen.

Peter  Prange , „Homo ludens oder der Professor als Spielkind der Kunst“. Vorwort  zu Axel von Criegern, Meine Bilder. Tübingen (Wasmuth Verlag), 2009

 

2 iphone- Musen

2 iphone- Musen , 2017, My Brushes Zeichnung © AvC

An der Mündung Gartenstraße lehnen zwei junge Frauen entspannt an einer Mauer  und jede hat ein übergroßes iPhone oder MiniPad in der Hand. Heute ein gewohnter Anblick. Auffallend ist, daß jede auf einer Seite der  Gittertür lehnt, die zur  Burschenschaft „Germania“ führt. Synchron tippen sie in die Geräte. Ganz offensichtlich kommunizieren sie nicht miteinander und daß sie bei der Burschenschaft Einlass suchen, ist unwahrscheinlich. Auffallend ist auch, daß sie, wie zu einer Performance aufgestellt, beide in Richtung der belebten Kreuzung stehen.

Diese Choreografie ist es, die meinen Blick anzieht. Ihre Haltung ist ausgesprochen graziös und die elegante Bewegung führt von den lässig übereinander geschlagenen Beinen nach oben zu den schwarzen Geräte-Rechtecken. Ein stiller Moment in einem bemerkenswerten pas de deux.

Rückblickend denke ich, daß die Tür eine wichtige Rolle bei dieser „Performance“ spielte. Man nimmt die beiden Frauen gleichsam als Rahmenfiguren, die dem Eingang Gewicht geben, wahr. Diese Betonung verleiht dem Durchblick durch das Gitter etwas Geheimnisvolles. Beim Zeichnen entstand aus diesem Gefühl heraus die Figur eines alten Mannes in der Art der  antiken Philosophen, der brüchig und ein wenig geisterhaft in diesem Moment zwischen seinen Musen hervortreten könnte.

Der eigentliche Anreiz dieser Alltagsszene , das was sie für mich zum Motiv machte, war aber das Absurde. Zwei junge Frauen stehen selbstvergessen im hellen Sonnenlicht, völlig unbeeindruckt vom Verkehrstrubel und sind von diesen kleinen Rechtecken, über die ihre schlanken Finger huschen, völlig absorbiert. Jenseits ihrer eleganten Performance, jenseits aller künstlerischen und poetischen Anmutungen muss es eine Welt geben, die die  beiden in ihren Bann zieht, noch aufregender als… na ja, vielleicht ist es ja mein blog???!!!